Kultur : In die Tulpen

Ilja Richter singt seine Geschichte – in Berlin

Harald Martenstein

Man sollte nicht verschweigen, dass der Autor dieser Zeilen vor etlichen Jahren an Ilja Richters Biografie mitgeschrieben hat. Richter war ihm bekannt als ein Super-Fernsehstar der Siebziger, 1971 bis 1982 Moderator der ZDF-Musiksendung „Disco“. „Disco“ war extrem populär, weil die Sendung nicht so bieder war wie die „Hitparade“ und nicht so experimentell wie der „Beatclub“. Angesagt wurden die Titel von einem spillerigen Knaben von scheinbar nie enden wollender Pubertät, Jahrgang 1952, der zwischen den Songs seine halb albernen, halb von einem im Fernsehen fast unerfüllbaren kulturellen Ehrgeiz geprägten Sketche aufführte. Ein zweifellos interessanter Sonderfall der deutschen Mediengeschichte.

Richters Lebensgeschichte ist sogar noch interessanter. Es stellte sich heraus, dass seine Karriere eine Art Ersatzkarriere war, für eine jüdische Mutter, die in der Nazizeit unter falscher Identität als Revuegirl sowie im ersten deutschen Fernsehballett für Wehrmachtsoldaten tanzte, immer voller Angst, zu gut zu tanzen und dadurch aufzufallen. Nach dem Krieg heiratete sie einen Kommunisten und trieb das dazu begabteste ihrer drei Kinder von früh an in jene Showlaufbahn, die ihr selber versagt blieb. Die Zeiten hatten sich geändert, Pop regierte. Also musste Ilja Pop machen, um Erfolg zu haben, seine Mutter aber verachtete dieses Zeug. Künstlerisch lebte sie eher in den Vorkriegsjahrzehnten. Sie schätzte Tucholsky, nicht Alice Cooper. Ihr Sohn, Autodidakt, ganz Mutterkind, sollte im Jetzt Erfolg haben und in seiner Show gleichzeitig ein bisschen von gestern sein.

Der erwachsene Ilja Richter hat sich nie von dieser Vergangenheit distanziert, warum auch, aber er ritt trotzdem nie auf einer Nostalgiewelle. Richter hat sich eine zweite Karriere aufgebaut. Er ist kein ganz großer Star mehr, aber als Schauspieler gut im Geschäft. Demnächst spielt er in Worms in Dieter Wedels „Nibelungen“. Aber jetzt macht er es doch, er singt mit seiner unverwechselbaren Stimme und der nötigen Selbstironie Tom Jones, Slade, Abba, Karat, Heidi Brühl, er macht eine Art Show, zusammen mit der jungen polnischen Sängerin Aneta Barcik und dem Begleitorchester von Manfred Krug. Einer der Krug-Musiker, Henning Protzmann, war auch schon bei den „Sieben Brücken“ dabei, dem größten Hit von „Karat“.

Das Ganze ist, nach den Proben zu urteilen, eher eine musikalische Autobiografie als ein Revival-Konzert mit Melodien der Siebziger. Ilja Richter erinnert sich an Musik, an Frauen und an seinen Theatererfolg „Der Ansager einer Stripteasenummer gibt nicht auf“, ein Einpersonenstück, in dem es um einen abgehalfterten Entertainer geht und um Selbstentblößung auf der Bühne. Natürlich kommen die Dreißigerjahre vor, natürlich Tucholsky, natürlich Ilja Richters einziger großer Hit, „Tiptap in die Tulpen“.

Heute im Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Platz, 20 Uhr

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