Kultur : "In diese Provinzialität muss man reinschlagen"

Sie beide sind neben 116 anderen Künstlern zu

Sie beide sind neben 116 anderen Künstlern zur diesjährigen Documenta eingeladen worden. Empfinden Sie das als Auszeichnung, etwa wie eine Oscar-Nominierung?

BOCK: Eine Oscar-Nominierung wäre für mich eine Einzelausstellung auf dem Mars. Ob sich mit der Documenta ein Lebenstraum erfüllt, kann ich kaum sagen; ich bin erst seit drei Jahren im Kunstbetrieb. Eigentlich orientiere ich mich eher an der Rezeption des Publikums. Als ich bei den Documenta-Machern einen Termin hatte, um von meinem Konzept zu erzählen, war es weniger mein Problem, was sie erwarteten - sondern, dass ich ein Steinchen im Schuh hatte, das mich drückte.

Was zeigen Sie auf der Documenta 11?

OTTINGER: Neben meinem alten Film "Taiga" werde ich meinen neuen, "Südostpassage" vorstellen. Er entstand während einer Autofahrt von Berlin bis Odessa: Eine Reise auf den alten Tangenten Europas zu den neuen weißen Flecken auf der Landkarte.

Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

OTTINGER: Mein Film will das neue Europa in seiner Brutalität vor dem Hintergrund des alten Europa zeigen. In dieser Weltgegend müssen die Menschen unglaublich aktiv sein, um ihr Überleben zu sichern. Da guckt der Westen einfach weg: Worüber die Medien nicht berichten, gerät in Vergessenheit. Das erste Hindernis war schon, überhaupt ein Auto mieten zu können: Auch Firmen, die sich Europcar nennen, sind keineswegs willig, einem für diese Länder ein Auto zu vermieten. Sie tragen diesen Namen eigentlich zu Unrecht.

Und wie sieht Ihr Beitrag aus, Herr Bock?

BOCK: Ich werde mit meinen Partnern zehn bis elf Wochen lang öffentlich eine Art Theaterstück zeigen: An jeweils drei Tagen wird geprobt und das Ergebnis an den beiden Folgetagen aufgeführt. Ich wirke selbst mit und schreibe auch die Stücke. Aber ich bin nicht so gut wie ein Theaterautor: Deshalb mache ich Kunstperformances, da verzeiht man mehr. Mir geht es um die Rezeption, um die Durchleuchtung des Entstehungsprozesses: An einer Stelle sieht man die Proben, daneben eine Videoprojektion davon. Nebenan werden die Darsteller in Ganzkörperanzüge eingenäht. Die Kostüme werden bei "H & M" gekauft, auch das gehört dazu.

Sie verwenden beide völlig unterschiedliche Medien. Gibt es etwas, das Sie an der Arbeit des anderen interessiert?

BOCK: Film in seiner Inszenierung als Kino ist etwas, was mich generell interessiert. Und die Frage der Montage.

OTTINGER: Umgekehrt ergänze ich die Präsentation meiner Filme mit stehenden Bildern, also Fotos. Der Blick auf das bewegte und auf das fest komponierte Bild ist etwas völlig anderes. Außerdem verwende ich Musik und Literaturzitate, und habe vieles reingeschnitten, was sich im Laufe der Zeit in meinem Archiv angesammelt hat.

Frau Ottinger, Ihre Dokumentarfilme haben meist eine stundenlange Laufzeit. Auch für John Bocks Vorstellungen müssen Betrachter sich Zeit nehmen. Fürchten Sie nicht, dass die Besucher an Ihren Werken vorbeihasten?

BOCK: Nein, das ist okay. Die Besucher haben alle Freiheiten, die sie wollen. Sie können sich durch meine Arbeit zappen: Sich ein paar Momente bei den Proben aufhalten, dann bei der Kostümanfertigung. Es soll kein Zwang entstehen.

OTTINGER: Ich sehe das ebenso wenig als Problem. Die Leute verhalten sich immer verschieden: Die einen sind fasziniert und bleiben stundenlang, die anderen gehen daran vorbei. Das ist vollkommen in Ordnung.

Erhoffen Sie sich von der Begegnung mit Werken anderer Künstler Wechselwirkungen mit ihrer eigenen Arbeit?

OTTINGER: Interessant bei einer Documenta ist doch gerade, dass die eingeladenen Künstler aus allen Teilen der Welt kommen. Viele beschäftigen sich mit Problemen, die man hier im Westen mit seinen gemütlichen Lebensbedingungen kaum mehr kennt. Mit ihnen gemeinsam zu arbeiten und Korrespondenzen und Analogien zu entdecken, ist für mich aufregend. In diese Provinzialität in Deutschland und Westeuropa kann man doch nur reinschlagen.

BOCK: Künstlertreffen laufen alle ähnlich ab: Man läuft sich beim Aufbauen über den Weg und ist gestresst. Bei vielen Biennalen werden stets dieselben eingeladen. Würde man nicht ab und zu ein neues Gesicht entdecken, wäre es geradezu langweilig. Andererseits arbeite ich lieber in der Gruppe. Mir gefällt, mit anderen herumzuhängen.

Wie beurteilen Sie die Künstlerauswahl? Oft wird der Documenta vorgeworfen, sie bediene Interessen einflussreicher Galeristen, um den Marktwert ihrer Schützlinge zu steigern.

BOCK: Ich finde die Liste gut, weil ich drauf stehe. Ansonsten spielt sie für mich keine Rolle: Meine Galeristen sind so alt und unfähig wie ich selbst. Eine Documenta-Teilnahme ist auch für die kommerzielle Stellung im Kunstmarkt nicht mehr so wichtig wie früher. Die Preis- und Ranglisten, die häufig veröffentlicht werden, haben etwas Komisches. Wie im Sport langweilt es, wenn immer Gerhard Richter auf Platz Eins steht, und man freut sich, wenn Sigmar Polke oder Bruce Nauman einmal nach oben kommen. Mir liegt vor allem daran, vor Publikum zu arbeiten und etwas äußern zu können. Die Größe des Forums ist mir egal: Auf der Documenta präsentiere ich mich vor Tausenden, das nächste Mal halte ich vielleicht einen Vortrag vor zehn Leuten.

OTTINGER: Die Documenta ist keine Leistungsschau. Es ist ein Zusammenkommen verschiedener Stimmen. Mir gefällt, dass der Hauptkurator wechselt, weil dadurch unterschiedliche Künstler eingeladen werden. Es ist spannend zu erfahren, wie Leute an der Elfenbeinküste oder in Polynesien mit ihrer Situation umgehen. Es geht um ein Nachdenken über unsere Gesellschaft, das kann ernst sein oder spielerisch.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit vorherigen Documenta-Ausstellungen?

BOCK: Bei der letzten Documenta bin ich zu spät losgefahren. Wir haben uns in Kassel dann auch noch verlaufen und die Kunst nicht gefunden. Aber die Fahrt dahin war schön. Ansonsten kenne ich die Ausstellungen nur aus Katalogen. Solange ich Kunststudent war, habe ich sie nie besucht.

OTTINGER: Ich fand die Documenta immer wunderbar; bei der letzten habe ich mir vor allem die Architekturprojekte angesehen. Im Konzept von Catherine David waren sie ein wichtiger Bestandteil. Diese Elemente greift ihr Nachfolger Enwezor jetzt auf. Auch Harald Szeemanns Documenta V habe ich als sehr wichtig in Erinnerung. Aber natürlich verklärt man im Rückblick auch viel.

Enwezor hat im Vorfeld vier "Plattformen" weltweit ausgerichtet, um politische und soziale Anliegen in den Vordergrund zu rücken. Was halten Sie von diesem Ansatz?

OTTINGER: Zur Plattform auf der Karibikinsel St. Lucia wäre ich wahnsinnig gerne gereist; die in Berlin habe ich mir angesehen. Ich finde es wichtig, dass Enwezor etwas gegen die Beliebigkeit setzt, die derzeit gerade im Bereich des Films herrscht. Er wird auf eine angeblich kommerzielle, völlig einseitige Richtung reduziert. Ein Trauerspiel.

BOCK: Ich halte mich nicht an vorgegebene Themen. Ich weiß nicht, warum ich eingeladen wurde, es interessiert mich auch nicht.

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