Kultur : In diesen eiligen Hallen

Black Box Guggenheim: William Kentridges Berliner Installation

Nicola Kuhn

Der Begriff black box löst eher mulmige Gefühle aus. Er findet Anwendung, wenn von einem Flugzeugabsturz die Rede ist. Rettungsmannschaften versuchen dann, den ominösen Kasten zwischen den Wrackteilen aufzuspüren, um mit Hilfe der letzten Aufzeichnungen die Ursachen des Unglücks zu rekonstruieren. Seit gestern ist die Galerie Deutsche Guggenheim Berlin zum Aufstellungsort für eine überdimensionale black box geworden. Und wieder stellt sich Befangenheit ein. Zu Recht, denn gleich zu Beginn der knapp halbstündigen Aufführung des black box genannten mechanischen Theaters en miniature taucht eine Figur mit Flüstertüte auf, die in großen Lettern den Freud’schen Begriff „Trauerarbeit“ vor sich herträgt.

Spurensuche, Erinnerungsfetzen, Trauerarbeit – das sind die drei Elemente, aus denen William Kentridges Multimedia-Inszenierung besteht; das Vaudeville kommt nur noch als Reminiszenz zum Tragen, in Gestalt wechselnder Szenen und Musikeinlagen, die allerdings nichts von der Heiterkeit altertümlicher Varieté-Theater besitzen. Nein, wer sich den südafrikanischen Zeichner, Puppenspieler und Trickfilmmacher (Jahrgang 1955) für eine Ausstellung einlädt, der rechnet ohnehin kaum mit einer leichtgewichtigen Performance, sondern mit kummerschwerer Geschichtsaufarbeitung.

Der Nachfahr litauisch- und deutsch-jüdischer Einwanderer, die vor den Pogromen in Osteuropa und Russland geflohen waren, beschäftigt sich seit Jahren mit der Apartheidgeschichte Südafrikas. Eine Auftragsarbeit für die hauseigenen Galerie der Deutschen Bank birgt also eine gewisse Pikanterie. Künstler und Auftraggeber sind hier auf vermintem Gelände zueinander gekommen. Das Ergebnis ist ein Versuch hochkomplexer Vergangenheitsbewältigung, allerdings künstlerisch so verklausuliert, dass niemand ernsthaft daran Anstoß nehmen kann.

Man muss schon genauer um die Geschichte des Herero-Aufstandes wissen, der 1904 auf Geheiß des deutschen Kaisers brutal niedergeschlagen wurde. Und um Kentridges Tätigkeit in diesem Jahr als Bühnenbildner einer Brüsseler „Zauberflöte“. Beide Momente kreuzen sich auf bizarre Weise in seinem kleinen mechanischen Theater, genauer: in Berlin als Aufführungsstätte. Denn von hier aus wurde 1884 im Rahmen der Westafrika- Konferenz die Aufteilung des schwarzen Kontinents mit all ihren dramatischen Folgen geplant; hier spielten 1937 die Berliner Philharmoniker die berühmte Arie „In diesen heil’gen Hallen“ aus der „Zauberflöte“ ein, in der Sarastro von Liebe und Vergebung singt, während rundum die Politik das Werk der Zerstörung schon vorbereitete. Beides, die deutsche Kolonialpolitik in Südafrika und die „Zauberflöte“, betrachtet Kentridge vor dem Hintergrund einer vermeintlichen Aufklärung, womit er wiederum bei der black box landet, die Licht ins Dunkel bringt.

„Ich bin an politischer Kunst interessiert,“ hat Kentridge einmal gesagt, „das heißt an einer Kunst der Mehrdeutigkeit, des Widerspruchs, der unvollendeten Gesten und des ungewissen Ausgangs.“ Seine black box ist entsprechend eine poetische Revue, die nur eine Ahnung der fürchterlichen Vorgänge gibt, um die es hier eigentlich geht. Schließlich wurde der Stamm der Herero bei dem von General von Trotha befehligten Massaker zu 85 Prozent niedergemetzelt; er gilt als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts.

Mit Atemlosigkeit verfolgte man 1997 auf der Documenta X Kentridges Trickfilmzeichnungen, die seine internationale Karriere begründeten, war gefangen von der Eindringlichkeit seiner einfachen Kreidezeichnungen, in denen seine Protagonisten traumatische Begebenheiten erleben. Seine animierten Bilder gleichen tatsächlich einer dunklen Kammer, verdrängten Erinnerungen, die in verruckelten Bildern an die Oberfläche kamen.

Nun aber muss man mühsam erraten, was dahintersteckt, wenn ein tanzender Trigonometer einen Totenkopf vermisst. Tatsächlich wurden Schädel ermordeter Hereros für wissenschaftliche Zwecke nach Berlin verschickt und als Grundlage der arischen Ideologie missbraucht. Nur wenige Bilder berühren wirklich, denn Kentridge verstrickt sich trotz der scheinbaren Einfachheit seines mechanischen Theaters in Opernhaftigkeit. Gleichzeitig abstrahiert er seine Charaktere so weit, dass sie nur noch vage Zeichen sind. Einzig die Figur des Rhinozeros bekommt einen detailliert gezeichneten Auftritt, ja führt regelrechte Kunststücke auf und balanciert auf Vorder- und Hinterbeinen, als wäre es das Symboltier eines unversehrten Afrika. Die Vision findet ihr abruptes Ende mit dokumentarischen Aufnahmen einer Rhinozeros-Jagd. Die reale Brutalität erschrickt in dem ansonsten nostalgisch Bilderreigen. Sollte die black box funktionieren, müsste sie mehr scharfe Bilder zeigen.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 15.Januar; Katalog 34 €.

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