Kultur : In dieser Leere ist noch Platz

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Soldatisch hält das Wachhaus am Checkpoint Charlie seinen Posten, obwohl es hier schon lange nichts mehr zu bewachen gibt. Das Niemandsland zwischen Mitte und Kreuzberg ist überwuchert, der vormalige NVAAusguck ist jetzt bloß noch das Denkmal einer schon halb vergessenen Vergangenheit, schwere Schleierwolken kleben darüber wie am Himmel festgefroren. Plötzlich kommt Bewegung in das Stillleben. Ein Mann schlüpft durch den Schlitz der Baustellenzäune. Seine Bewegung hat Kraft, beweist die Entschlossenheit eines minderen Gesetzesverstoßes und wirkt fast sureal in dieser Umgebung des Stillstands. Oliver Kern, dessen Fotos jetzt in der Landesvertretung Saarland zu sehen sind, hat mit seiner Kamera Szenen eingefangen, in denen die Dynamik des Berliner Nachwende-Aufbruchs ins Groteske kippt. Nicht die beeindruckenden Neubauten interessieren ihn, sondern die Absperrungen an den Baustellen, vor denen Touristen Schlange stehen. „Die vorläufige Stadt“, heißt seine Ausstellung, und diese Stadt hat er vor allem in den ehemaligen Brachlandschaften gefunden, die sich in einem undefinierbaren Zwischenzustand befinden: Potsdamer Platz, Mauerpark, das halb fertige Museum Topographie des Terrors, die Sonnenallee. Kern zeigt Kids, die an den Resten der Mauer hochklettern und slowakische Bauarbeiter, die in ihrem Container-Heim den Feierabend mit Kabelfernsehen genießen. Michaela Heissenberger hat Texte zu den Bildern geschrieben, in denen sie die Menschen, die die Leerstellen beleben, zu Wort kommen lässt. Marvin, zwölf Jahre alt, sagt: „Da konnte man früher gut baden. Jetzt steht da ’Baden verboten’“. (kat)

Landesvertretung Saarland, In den Ministergärten 4 (Mitte), bis 13.12., Mo bis Fr von 9 bis 18 Uhr.

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