Kultur : In dreizehn Filmen um die Welt

Am heutigen Sonntag ist Publikumstag: die letzten Berlinale-Tipps für Kurzentschlossene

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11 Uhr, Atelier am Zoo: Jargo (14plus). Das Märkische Viertel in Berlin, pubertierende Jungs, der erste Sex im Gebüsch, die Körper angemalt mit fluoreszierenden Farben, eine überirdisch schöne Drogenabhängige und Udo Kier als Geist des toten Vaters. Leben ist Mutprobe.ded

12 Uhr, RoyalPalast: Confidences trop intimes (Wettbewerb) Schon mal intim mit dem Steuerberater geworden? Da musste schon Patrice Leconte kommen, um auf die Ähnlichkeiten zwischen Steuererklärung und Psychoanalyse hinzuweisen. So richtig intim wird’s trotzdem nicht, was vor allem an Fabrice Luchinis steif-gentlemenesker Zurückhaltung liegt. An Sandrine Bonnaire jedenfalls hat es nicht gelegen. Aber schön, dass wir darüber gesprochen haben. til

12.30 Uhr, Cinemaxx 3: Status Yo! (Forum) Nichts für über 30-Jährige, sagt Regisseur Till Hastreiter. Egal: In seinem Spielfilmerstling gibt’s HipHop bis zum Abwinken. Die größte Party Berlins! Mit den besten Breakdancern der Welt!! Bei der Premiere am Freitag im Delphi tobte der Saal. chp

13 Uhr, Cinemaxx 7: Easy Rider (Retrospektive). Der begehrteste Film des Festivals. Wegen großer Nachfrage gibt’s heute eine weitere Zusatzvorstellung. chp

14 Uhr, Delphi: Running on Karma (Forum) Hongkong-Star Andy Lau sieht in Johnnie Tos und Wai Ka Fais Film ein bisschen so aus wie Hulks kleiner Bruder. Er spielt in dem fantastischen Genre-Mix einen Stripper und Bodybuilder, der früher ein buddhistischer Mönch war. Neben Kung-Fu-Künsten hat er die Gabe, das Karma eines Menschen zu sehen. Als er die Polizistin Yee kennenlernt, hat er eine schreckliche Vision. Schönste Szene: Andy Laus nächtlicher Kampf-Tanz mit einem Papiertaschentuch. nal

14.30 Uhr, International: The Stratosphere Girl (Panorama) Tokio kann noch viel kälter sein, als wir es in „Lost in Translation“ gesehen haben. Findet zumindest die 18-jährige Angela, die als Manga-Fan anreist und schnell als Hostess in einem Sex-Club landet. M.X. Oberg hat einen Film wie ein Comicstrip gedreht – rasant, scharf und virtuos. til

15 Uhr, Royal-Palast: Ae Fond Kiss (Wettbewerb) Das kennen wir doch, seit es das New British Cinema gibt, denkt man zunächst: Irin liebt Pakistani, Multikulti in Glasgow. Aber Altmeister Ken Loach erzählt nicht wie gehabt vom Clash of Cultures, sondern davon, wie es doch irgendwie weitergeht, wenn Familienkrach und Liebesleid eben nicht beigelegt werden können. Unter all den Feel-Bad-Movies des Festivals wenigstens eins, das uns erlaubt, über das Unglück zu lachen. Allein der selbstgebastelte Anbau im Vorgarten der Pakistanis! Und der Blumenbeet-Slapstick! chp

16.30 Uhr, Berlinale-Palast: 25 degrés en hiver (Wettbewerb-Abschlussfilm). Miguel (Jacques Gamblin), der sich in Brüssel als Bote durchschlägt, hat einen schlechten Tag: die Frau ist auf und davon nach New York, die Tochter hat einen Unfall, die Mutter nervt, der Chef auch, und dann sitzt auch noch eine fremde Ukrainerin im Wagen. Aus solchen Tagen entstehen die schönsten Komödien. (auch 21 Uhr, Royal-Palast) til

17 Uhr, Cinemaxx 7: Die Spielwütigen (Panorama). Der neue Dokumentarfilm von „Black Box BRD“-Regisseur Andres Veiel: ein wunderschönes Spielfilmdebüt. Kein Wunder, wenn die Protagonisten Schauspielstudenten sind. Sie spielen auch vor der Kamera: wie sie spielen, spielen wollen, spielen können. Und Veiel erfindet Geschichten dazu. Hinreißend, wie sich Stephanie Stremler, zunächst das hässliche Entlein, in die heimliche Heldin verwandelt. Allein dafür ist der Panorama-Publikumspreis verdient. chp

19 Uhr, Delphi: Koktebel (Forum) Ein Vater-Sohn-Gespann aus einer zerbrochenen Familie, ein Sehnsuchtsort – und dazwischen Tausende Kilometer leere Landschaft und eine fürsorgliche Frau. Mehr braucht es nicht für eine anrührende Filmreise. Diese hier von den Regisseuren Boris Chlebnikow und Alexej Popogrebskij endet nicht happy, aber tröstlich auf einem einsamen Pier am Meer. Was will man mehr? S.H.

19.30 Uhr, Berlinale-Palast: Before Sunset (Wettbewerb). Vor neun Jahren war es eine durchwachte Nacht in Wien, und der Morgen dämmerte über einer jungen Liebe. Nun geht die Sonne unter, und der vertrödelte Nachmittag in Paris ist mindestens so schön wie die Zeit „before sunrise“ in Wien. Sie sind älter geworden, Celine und Jesse, Julie und Ethan. Wir sind es auch. Und doch hat sich (fast) nichts geändert. til

20 Uhr, Cinemaxx 1: Muxmäuschenstill (Perspektive). Herr Mux muckt auf. Der Mann hat die Schnauze voll. Scheiß Schwarzfahrer, Graffiti-Schmierer und Päderasten! Mux will Ruhe und Ordnung im Lande. Aber schnell. Deshalb verwirklicht er sich den Traum vom starken Mann und zieht selbst los in einen Feldzug gesellschaftlicher Reinigung. Marcus Mittermeiers Spielfilmdebüt: eine rasante Provokation. juh

20.30 Uhr, Cinemaxx 7: The Machinist (Panorama). Trevor Reznik geht es nicht gut. Sein Gesicht ist eingefallen. Er wiegt weniger als Ally McBeal in ihren dünnsten Zeiten. Und seit einem Jahr hat er nicht geschlafen. Da kann es schon mal vorkommen, dass einer anfängt zu delirieren – was für den Zuschauer ziemlich spannend wird. juh

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