Kultur : In einem coolen Grunde

Kunstlieder als Ohrwürmer: die Tenöre von Caledon im Berliner Tipi

Thomas Lackmann

Wo starke Männer sich belächeln lassen, kann die Welt gerettet werden. Die Helden tragen gemusterte Röcke, mal blau kariert, später schwarz, dann apfelsinenfarben. Im Schritt baumeln ihre Täschchen, mal wuschig, mal mit Bommeln. Die Röcke heißen Kilts, die Muster Tartan, die Täschchen Sporran. Diese Schotten geizen nicht mit Scherz und Schmelz. Sie radebrechen, tänzeln, erheben die Augen himmelwärts, balzen und schmettern. Besingen ihr Brauchtum, Berge und Seen, ihren Patriotismus und die Liebe. Sie fürchten sich nicht, Gefühl zu zeigen. Jamie, der smarte Goodie-Goodie, ist ein verschmitzter lyrischer Tenor. Ivan, der kantige Recke, ist ihr schüchterner Gipfelstürmer. Alan, das burleske Schlitzohr, besorgt die fülligen Resonanzen. Sie scheuen sich nicht, weiblichen Fans mit Herrenwitzen zu kommen. Die Frage, ob sie unterm Kilt – wie ein Zwischenrufer rühmt – nur „scotlands future“ tragen, bleibt in der Schwebe. Der versprochene Handstand entfällt.

Vor einem Jahr haben sich Caledon, die schottischen Tenöre, von Berlin entdecken lassen. Der Fehler jener ersten Show – die Mainstream-Aufrüstung ihres vom Klavier begleiteteten Folk- und Kunstlied-Sounds mit einem zusätzlichen Synthesizer, der vor allem das James-Bond-Medley und das Pop-Medley umschwurbelt – wird aktuell nicht korrigiert. Die damalige Intro-Nummer „Amazing Grace“, das aufregend differenzierte Arrangement zur Ehrenrettung des totgekitschten Ohrwurms, muss aus Gründen stimmlicher Überanstrengung entfallen. Die tenorale Himmelfahrt wird, dispositionsbedingt, ausgebremst. Ihr entwaffnend unschuldiger Umgang mit Heimatliedern, der die historisch lädierten Deutschen fasziniert, stand diesmal im Schatten des Kraftaktes.

Doch vor der Lieder-Befreiungs-Heldentat der Schotten schrumpfen solche temporären Mängel zu Korinthen. Caledon lieben ihre Songs, sie glauben daran. So viel Naivität muss man aushalten. Sie brechen das Pathos und die Würde ihres mitunter tümelnden Oeuvres durch moderierende Ironie. Sie laufen bei ihrem Tartan-Medley zur choreografisch rasanten Musical-Form auf. Sie produzieren Fern- und Heimweh, Panorama-Gemälde im Kopfkino-Entertainment, geben dem Publikums-Affen Zucker mit inbrünstig zelebrierten Hits, von „Sailing“ über „The Long And Winding Road“ bis zu „500 Miles“. Sie stellen mit dem berühmtesten Evergreen „Auld Lang Syne“ die Heimatfrage: nach dem, was bleibt. Und rehabilitieren, en passant, das deutsche Volkslied. „Kein schöner Land“ unterwandern sie mit verunsichernd impressionistischen Akkorden. „In einem kühlen Grunde“ wird, als Antwort auf die Trennungsballade „Loch Lomond“, zur schwarzen Erzählung vom Tod der Liebe.

„Der Mond ist aufgegangen“ erscheint im schrägen Arrangement Max Regers. Der Trabant wird zum Fragezeichen. „So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.“ Das ist ihr letztes Wort.

Im Tipi bis 21. März, Di bis Sa 20.30 Uhr, So 19.30 Uhr

0 Kommentare

Neuester Kommentar