Kultur : In einem Land vor dieser Zeit

In seinen frühen Jahren war ihm der Roman unheimlich. Gegenüber der „Anonymität des Realen“ galt ihm das Modellieren von Figuren als anachronistisch.

„Felder“, „Ränder“ und „Umgebungen“ hießen in den

sechziger Jahren Jürgen Beckers frühe Prosabände, mit denen er in ein Jenseits des Fiktiven vorstoßen wollte. 1971 folgte ihnen der Fotoband „Eine Zeit ohne

Wörter“: Aufnahmen, die Bewusstseinsabdrücke sein wollten, nicht kunstvoll gestaltete Wirklichkeit. Es waren, flankiert von einigen Satzresten, Bilder einer großen Leere, entstanden in Westberlin und Köln. Gerade in ihrer Ortlosigkeit vermitteln sie aber einen eigentümlichen sense of place. Aus dieser Zeit stammen auch die 1972 entstandenen Fotos aus New York.

„Die Bild-Ereignisse“, erinnert sich Jürgen Becker heute, „musste ich nicht suchen; sie stellten sich von selber ein, von Augenblick zu Augenblick, und dabei wusste der Schriftsteller: nie wäre er imstande, die Momente der Wahrnehmung mit Wörtern und Sätzen festzuhalten, eine Beschreibung des sekundenlang Gesehenen zu versuchen. Beschreibung entsteht immer erst im Nachhinein, nach langen Wegen durch die Reflexion – für das Jetzt ist allein zuständig die Kamera.“ Und weiter: „Indem der Schriftsteller so das Medium wechselte, blieb er doch bei seinem Metier, und dazu gehört im Sinne meiner Intentionen, für den Verlauf der Gegenwart, das Vergehen von Zeit, das Anfangen der Erinnerung eine Schreibweise zu finden.“

Becker hatte die Aufnahmen damals Siegfried Unseld angeboten, der jedoch abwinkte, nachdem er schon die „Zeit ohne Wörter“ mit wenig Begeisterung veröffentlicht hatte. Daraufhin blieben die Bilder, die er nicht einmal alle entwickeln hatte lassen, vier Jahrzehnte liegen. Nun hat sie ihm sein Sohn, der Fotograf Boris Becker, abgefordert und zu einem Auswahlband zusammengestellt. Dokumente, in deren kühlem Blick auf Dinge und Menschen man trotz der reinen Stadtszenerie schon etwas vom Landschaftsdichter der späteren Jahre erkennen mag. In der Überlagerung von Topografie und Erinnerung suchte er nach den Verheerungen der Geschichte und wurde darüber schließlich doch noch ein Erzähler zwischen Fakten und Fiktionen, Chronik und Autobiografie. dotz

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