Kultur : In einem Lande namens Ponto

Mit Glanz und Galanz: Oper als Familienaufstellung – Märkgräfin Wilhelmines „Argenore“ in Rheinsberg.

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Gelehrte Chromatik. Wilhelmine, gemalt von Antoine Pesne1. Foto: akg-images
Gelehrte Chromatik. Wilhelmine, gemalt von Antoine Pesne1. Foto: akg-imagesFoto: akg-images

„Mit derartigen Dingen haben die Frauen sich bisher noch nicht befasst“ – so schrieb Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth 1740 vor der Uraufführung ihrer Oper „Argenore“ an ihren Bruder, den in Rheinsberg residierenden preußischen Kronprinzen Friedrich. Sie übertrieb kaum, denn Opern von Frauen vor 1740 kann man an einer Hand abzählen. Doch damit nicht genug des historischen Interesses: Liest man zwischen den Zeilen der Handlung, dann wird man in Argenore, dem jähzornigen Herrscher des fiktiven Königreichs Ponto, Züge des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. erkennen und in den Herrscherkindern Palmide und Ormondo, deren Interessen der Staatsräson geopfert werden, märchenhaft verklärte Abbilder von Kronprinz Friedrich und seiner Lieblingsschwester Wilhelmine.

Fast wundert man sich, warum die Musikakademie Rheinsberg, der mit ihren jährlichen österlichen Opernaufführungen bereits eine Reihe von musikgeschichtlich wie lokalhistorisch wichtigen Entdeckungen gelungen ist, sich erst jetzt an die erstmalige Präsentation des Werks in Wilhelmines Heimatregion gewagt hat. Seit Karsamstag aber kann man sich davon überzeugen, dass die 31-jährige Markgräfin im Vergleich zu den jungen Musikern, die ihre Partitur im Schlosstheater wiederaufführen, bei Weitem nicht das geringste Talent besitzt.

Ausgehend von den festgefügten Arienformen des Hochbarock erkundet sie die feinnervige Welt des galanten Stils; knappe und mit volksliedhafter Unmittelbarkeit berührende melodische Einfälle weiß sie mit gelehrter Chromatik und obligaten Flötensoli zu würzen und elegant in virtuose Koloraturen zu überführen. Dass sie dabei technisch in den Grenzen soliden Handwerks bleibt, tut nichts zur Sache, denn die jungen Musiker vertrauen hörbar den emotionalen und dramatischen Qualitäten dieser Musik.

Am vollkommensten tut dies Camilla Lehmeier, die die Nebenrolle der Martesia mit ihrem warmen Händel-Mezzosopran aufwertet, dicht gefolgt von Bariton Christian Backhaus in der fordernden Rolle des Argenore und der Sopranistin Dorota Szczepanska, die Wilhelmines Alter Ego Palmide sowohl stimmlich wie gestisch einen keck-selbstbewussten Charakterzug verleiht. Zbigniew Malak als Prinz Ormondo und sein Bühnenrivale Pawel Lizak als General Leonida benötigen ein bis zwei Arien, bis sie intonatorische Unsicherheiten überwunden und die Stärken ihrer Tenorstimmen hervorgekehrt haben. Diese liegen bei Malak in Koloraturfestigkeit und lyrischer Wärme der Mittellage und bei Lizak in der Ausdruckskraft seines bemerkenswert farbenreichen Timbres.

Ein Muster an intelligenter Deklamation und präziser Gestik bietet der Bariton Dawid Spryszinski, den nur eine leichte stimmliche Indisposition davon abhält, zu einem der stärksten Sänger des Abends zu werden. Souverän und mit dramatischem Gespür leitet der frisch diplomierte Justus Thorau das Orchester 1770 durch die Partitur. Was ihm an Spezialkenntnissen im galanten Stil noch abgehen mag, wird durch beherzte Kürzungen und einige Instrumentalretuschen pragmatisch ausgeglichen.

Etwas zu pragmatisch nähert sich die Regisseurin Claudia Forner dem in oft etwas prosaisches Deutsch übersetzte Stück, indem sie die Gefangenheit der Figuren in der höfischen Gesellschaft durch starre Krinolinen und stilisierte Gesten andeutet, aber gleichzeitig psychologische Gewalt plump in physische Gewalt übersetzt. Die groben Bezüge der Figuren untereinander werden dadurch deutlich, nicht jedoch die unmittelbare Faszination, die Wilhelmine für das Abbild ihrer höfischen Lebenswirklichkeit empfunden haben muss und auch nicht die sarkastische Freude, mit der sie ihre Figuren schachmatt setzt.

Doch genau auf dieser labyrinthischen Anlage beruht der coup de théatre des Stücks: Entgegen der Konvention lösen sich die Verwicklungen nicht in einen Jubelchor auf, sondern enden mit dem Selbstmord Argenores in einem begleiteten Rezitativ. Eine Vision, die drei Wochen nach der Uraufführung von der Wirklichkeit eingeholt wird, als Wilhelmines Vater, der Soldatenkönig, stirbt. Mit ihrer Oper hatte sich Wilhelmine schon vorher aus seinen Fesseln befreit.

Wieder 14./15. und 21./22 April

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