Kultur : In einem Zug

German Graffiti: „Wholetrain“

Sebastian Handke

„Haben Sie noch etwas zu sagen?“, fragt der Richter, nachdem das Strafmaß verkündet ist. Der Delinquent schweigt. 50 000 Euro schuldet er dem Staat für das Beseitigen seiner „pieces“, jetzt gibt’s noch ein halbes Jahr auf Bewährung dazu. Warum er Wände, Fassaden, Unterführungen und U-Bahnzüge nächtens mit Graffiti versieht, kann er nicht sagen. Florian Gaags Film über vier Graffitiwriter kann das leider auch nicht.

Dabei hätte man gerne mehr darüber erfahren aus dieser eigentlich reizvollen Kreuzung aus Genrefilm und Milieustudie: David (Mike Adler), Tino (Florian Renner), Elyas (Elyas M’Barek) und Achim (Jacob Matschenz) sind Graffitiwriter. Nichts ist ihnen so wichtig wie der Ruhm ihrer „Keep Steel Burning“-Crew. Als eine andere Crew auftaucht und „KSB“ in ihrer Writer-Ehre verletzt, entbrennt ein hitziger Wettstreit um Style und Anerkennung. Das Problem: Die Bilder der Neuen sind viel krasser. Und die Sonderermittler sind den KSBs dicht auf den Fersen. Um die Schlacht dennoch zu gewinnen, planen die Jungs das ganz große Ding: Sie wollen einen kompletten S-Bahnzug besprühen – einen „Wholetrain“ – und sie riskieren dabei ihr Leben.

In Till Hastreiters vergleichbarem Hiphop-Film „Status Yo“ (2004) wussten Menschen und Handlungsstränge noch zu interessieren. In „Wholetrain“ aber erfährt man wenig vom Leben der Jugendlichen. Familien und Frauen treten nur als Störfaktoren in Erscheinung. Stattdessen sehen wir vier junge Männer beim Vollzug ihrer Rituale (und wie sich der Rest der Welt diesen Ritualen in den Weg stellt). Ziel des Spiels: die Stadt mit optischen Duftmarken zu pflastern, am besten mit einem richtigen Burner – „wie ein Joint durch die Augen“.

Regisseur Florian Gaag war selbst Graffitiwriter in München. Sein Film ist roh und offenbar auch authentisch, doch er sucht in keinem Moment Abstand zu seinen Figuren. Gaag bemüht sich um schmutzige Bodensatz-Realität, kann aber doch nicht verhindern, dass sein Film letztlich die Funktion eines Hiphop-Videoclips übernimmt: Er verleiht der Selbststilisierung einer männlichen Jugendkultur Ausdruck, ohne deren Blick auf sich selbst jemals zu brechen. Das ist eine Zeitlang unterhaltsam, mitunter sogar packend, auf Spielfilmlänge aber doch ermüdend. Denn „Wholetrain“ zeigt vor allem eins – und das immer wieder: Vier Jungs rennen, die Polizei hinterher.

Babylon Kreuzberg, Cinemaxx Potsdamer Platz, Colosseum, Eiszeit und Filmtheater Friedrichshain

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