Kultur : In eisigen Wassern

Deutsche Filme auf dem Festival in Locarno – und ein Publikumsgespräch mit Willem Dafoe

Sebastian Handke

Treffen sich zwei Filmkritiker im Kursaal zu Locarno. „Schon ein paar Meisterwerke entdeckt?“ fragt der eine. „Nur eins“, sagt der andere, „dieser deutsche Film.“ – „Ich bitte Sie“, lacht da der erste, „das doch keine Entdeckung mehr!“

Vor nicht langer Zeit hätte man den Wortwechsel noch für einen Witz halten können, aber beim Filmfestival in Locarno trug er sich so zu. „Das Leben der Anderen“ ist von den internationalen Kritikern wie vom Freiluftpublikum auf der Piazza Grande mit Begeisterung aufgenommen worden. Zwei weitere Filme aus deutscher Produktion waren außerdem bereits zu sehen: Sie strahlen zwar nicht so hell, aber aus dem Mittelmaß, das die beiden Wettbewerbe des seit 1. August laufenden Festivals dominiert, stechen sie doch hervor.

Vor vier Jahren drehte der Georgier Dito Tsintsadze („Schussangst“) in seiner Heimat eine Dokumentation über obdachlose Kinder. Damals kam ihm die Idee zu „Der Mann von der Botschaft“: die Geschichte eines Botschaftsmitarbeiters in Tiflis, der sich mit einem 12-jährigen Flüchtlingskind anfreundet. Burghart Klaußner („Die fetten Jahre sind vorbei“) spielt den Referenten für entwicklungspolitische Zusammenarbeit mit feiner Zurückhaltung: nicht unbedingt resigniert, aber mit einer aus der Routine geborenen Melancholie. Tsintsadzes einsame Figuren haben nicht viel Tiefe, sie sind eher emblematisch gestaltet wie in einem Märchen. Ihre Annäherung wird behutsam vorgetragen, mit Abstand und leiser Lakonie. Gemeinsam hängen sie in seiner Wohnung ab, in einem unschuldigen, wortlosen Beisammensein – eine Gemeinschaft, die zerstört werden wird von denen, die nur das Hässliche darin sehen können.

Angelina Maccarone („Fremde Haut“) zeigt im vom neuen Festivalleiter Frédéric Maire ins Leben gerufenen Nebenwettbewerb „Cineasten der Gegenwart“ ein Psychodrama um eine Bewährungshelferin (Maren Kroymann), die mit einem ihrer minderjährigen Schützlinge (Kostja Ullmann) eine sadomasochistische Beziehung eingeht. Maccarones Herangehensweise an den Stoff ist bemerkenswert: frei von Ledererotik, Körpersäften und Peitschenseligkeit, in kontrastreichem Schwarzweiß zeigt „Verfolgt“ die Zerbrechlichkeit dieser beiden Menschen, die sich nur zaghaft ihrer Leidenschaft hingeben. Leider ist dem Film anzumerken, dass er in nur 15 Tagen abgedreht werden musste: Die Strenge der Optik kontrastiert mit einer gewissen Schlaffheit des Agierens. Vor allem die Hauptfiguren hätten noch etwas mehr Definition und Feinschliff verdient.

Erstaunlich ist, wie sehr sich diese beiden deutschen Beiträge ähneln: zwei behutsame Filme über Menschen, die einander ihre Lebens-Leerstellen ausfüllen – in Beziehungen, die außerhalb der Norm liegen und die dafür von außen angefeindet werden. Auch für „Verfolgt“ gilt, was Dito Tsintsadze über seinen Film sagt: „Nicht alles, was wir nicht verstehen, muss schlecht sein.“

Formal experimenteller, aber inhaltlich konventioneller erzählt auch der italienische Wettbewerbsbeitrag „Mare Nero“ von sadistischen Anflügen: Eine junge Frau wird tot aufgefunden, nackt, gefesselt, mit wüsten Verletzungen im Gesicht. Der junge Inspektor Luca (Luigi Lo Cascio) versinkt im Zuge seiner Ermittlungen selbst in der Welt der Striptease-Bars, der Swinger-Clubs und des Autostrichs; je näher er der Aufklärung des Verbrechens kommt, desto größer wird die eigene Faszination für das Schlagen von Frauen.

„Mare Nero“ ist ein film noir und ein Film über Männerfantasien – gedreht von einer Frau. Roberta Torres Bebilderung des Egotrips hat nichts verstohlen Fasziniertes, sondern strahlt eine abstoßende Kälte aus. Alles in dieser artifiziellen Welt ist nachtschwarz, kalkweiß oder spiegelglatt, die Körper, lebende wie tote, von bläulichem Porzellanschimmer; auch die Tonspur wurde sorgfältig manipuliert. Ein handwerklich und technisch perfekter Film und ein streckenweise fesselndes Seherlebnis, aber doch auch ein eitles Werk, das auf kaum mehr verweist als auf sich selbst.

Von sadomasochistischen Praktiken kann auch einer berichten, der nach Locarno gekommen ist, um sich seinen „Excellence Award“ abzuholen. Am Morgen nach der Preisverleihung trifft sich Willem Dafoe („Spiderman“) mit den Festivalbesuchern zum Publikumsgespräch unter freiem Himmel, vor der Kulisse der Schweizer Berge. Es gibt Espresso und Fruchtsaft, dazu Baguettes oder Panini: ein „Altman“-Brötchen für die Vegetarier, den „Spielberg“ mit viel Fleisch.

Als Willem Dafoe, gern gesehener Bösewicht und steter Wanderer zwischen Hollywood und der Filmkunst, bei „Manderlay“ erstmals mit Lars van Trier drehte, lud ihn der Däne an einem Sonntagmorgen im März zum Nacktschwimmen an einen See, auf dem gerade erst die Eisdecke geschmolzen war. Dafoe zog sich aus und folgte ihm ins Wasser; es war so kalt, dass ihm das Herz fast stehen blieb. „Ich liefere mich meinen Regisseuren gerne aus,“ erzählt Dafoe.

Locarno sei wie eine Therapie, so Festivalchef Frédéric Maire zur Eröffnung, und Dafoe nutzt die Gunst der Stunde. Er bekennt, dass er seine Stimme gerne an die Werbeindustrie verkaufe. „Bald werde ich den Dämon wieder füttern für eine Autowerbung. Aber wissen Sie was? Das ist ein sehr emotionales Erlebnis!“ Das Publikum ist irritiert. „Das war ein Geständnis.“ Ob er die Filmpresse lese, will eine Frau mittleren Alters wissen. Sie gibt vor, keine Kritikerin mehr zu sein. Dafoe windet sich, in diese und in jene Richtung, es ist seine längste Antwort an diesem sonnigen Vormittag. „Ach, wissen Sie, die Filmkritiker!“, ringt er sich schließlich durch, „es fällt mir schwer, sie zu respektieren.“

Treffen sich ein japanischer und ein deutscher Kritiker vor dem Kursaal zu Locarno, es ist kurz nach „Das Leben der Anderen“. „Ach, ihr Deutschen, ihr habt ja so ein Glück!“ – „Wegen unserer Filme?“ – „Jaja, das auch, aber das meine ich nicht.“ – „Was dann?“ – „Eure Vergangenheitsbewältigung.“

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