Kultur : In Fredi M. Murers Film verschwinden 12 Kinder in eine anderen Welt

Christina Tilmann

Dies ist ein Film wie ein Fischernetz: Er ist ziemlich verknotet, holt einen ganz guten Fang an Land, und trotzdem geht vieles durch die Maschen. Was daran liegt, dass Regisseur Fredi M. Murer zwar viele Leinen auswirft, ein ganzes Gewirr von Motiven strickt, und trotzdem überwiegt die Zahl der (Verständnis-)Löcher zwischendrin. "Ein Plädoyer für weniger Logik und mehr Phantasie", beschönigt das Presseheft, was schlicht als Drehbuch-Versagen zu bezeichnen wäre.

Toni, ein zehnjähriger Junge, ist eines Freitags verschwunden. Davongelaufen? Im See ertrunken? Oder vielleicht auch: entführt? Motive gäbe es genug - für Flucht ebenso wie für Verbrechen: Zwar lebt die Familie in einer großzügigen Villa, doch die Eltern haben sich unlängst getrennt, sind beide berufstätig, die Kinder vernachlässigt und eingeschüchtert. Geld genug ist dafür im Haus: der Großvater ein schwerreicher Industrieller, der Vater ein anerkannter Atomforscher mit französischer Freundin in Genf. Eine unfrohe Atmosphäre herrscht in den großen, grünen Hallen von Tonis Elternhaus - man bewegt sich langsam und leise dort, wie unter Wasser.

Bald aber schleichen sich die ersten Knoten in die Handlung: Ein Kommissar namens Wasser taucht auf und findet heraus, dass nicht nur Toni, sondern gleich zwölf Kinder am gleichen Tag verschwunden sind. Einer der Väter, als Umweltschützer Todfeind von Tonis Vater, wird als entführungsverdächtig festgenommen und erleidet einen Herzinfakt - soll er denn seine eigene Tochter entführt haben? Ein anderer wirft den Kommissar mit Schrotgewehr und ausländerfeindlichen Reden aus dem Haus - die brasilianische Ehefrau und sieben weitere Kinder sehen zu. Es stellt sich heraus: Alle Kinder sind bei Vollmond verschwunden und sollen bis zum nächsten Vollmond gefunden werden. Und alle bewohnten ein Haus am See.

Später tauchen zwölf Briefe auf, in der Handschrift der Kinder mit identischem Text geschrieben: eine vage Todesdrohung. Ein Vater meint Stimmen zu hören und fährt mit dem Motorrad in den See, ein anderer sucht seinen Sohn im Gebirge. Holzstapel stehen unvermutet in Gärten, Mütter sehen ihre Kinder im Traum und finden sich zu einem Kongress zusammen, um darüber zu reden. Ein schwarzes Kind, das "dreizehnte", sitzt am See und leckt Briefmarken, während ein lokaler Fernsehsender Jagd auf die Familien der Opfer macht und eine "Bitte, melde dich"-Show organisiert. Und zwischen Wasser (Hanspeter Müller) und Tonis Mutter (Lilo Baur) entspinnt sich eine zarte, schüchterne Romanze.

Der Film hält Stimmung, zweifellos: Über weite Strecken wirkt er wie eine Mischung aus Kubrick (einsame Hotels in der Bergen), Steiner (Kinder, die zur Sonnwendfeier ums Feuer tanzen) und Dürrenmatt (angestrengt ermittelnde Kommissare und ein Verbrechen im Kleinbürger-Staat). Das ist aber auch das Beste, was man über Fredi M. Murers "Vollmond" sagen kann. Ansonsten zerfasert die Handlung, springt von Nebenschauplatz zu Nebenschauplatz, gefällt sich zumehmend in Andeutungen und Vermutungen, die nie aufgelöst werden. Merke: Um einen guten Fang zu machen, muss man das Netz irgendwann zuziehen. Spätestens am Ende.In Berlin im fsk am Oranienplatz und in den Hackeschen Höfen

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