Kultur : In fünfzig Minuten zum Superstar

Pop im Theaterlabor: Paul Plamper bastelt im Hebbel am Ufer an einem Hit für jedermann

Peter Laudenbach

Eine Frau spricht auf der Straße willkürlich Passanten an und fragt, ob sie nicht Lust hätten, einen Nummer-1-Hit in den Pop-Charts zu landen. Eigentlich ist das ganz einfach, man muss im Prinzip nur ohne Job und möglichst unmusikalisch sein, behauptet die seltsame Musikexpertin zumindest. „Du bist arbeitslos und völlig pleite? Großartig! Die Arbeitslosigkeit erlaubt dir einen tieferen Einblick in die gesellschaftlichen Steuerungsmechanismen.“ Die Ausrede eines mürrischen jungen Mannes („Ich kann gar nicht komponieren und so...“) lässt sie nicht gelten: „Du bist genau der Richtige.“ Was folgt ist eine kleine Lektion („In fünfzig Minuten an die Spitze der Charts“), eine Menge Verwirrungen und ein sachdienlicher Hinweis: „Wir versprechen dir gar nichts – nur diese Nummer-1-Single.“

Was wirkt wie ein Fake, ist der Auftakt eines originellen Hörspiels, mit dem der Berliner Regisseur Paul Plamper ironisch mit den Mechanismen der Musikindustrie spielt. Sein Projekt „Top Hit leicht gemacht“ geht davon aus, dass kommerzielle Pop-Erfolge nach simplen Gesetzmäßigkeiten funktionieren. Hält man sich an die Spielregeln („Das Wichtigste ist die Bassline...“), kann eigentlich nichts schief gehen. Und weil Plamper, einst Regieassistent bei Robert Wilson und Peter Zadek, gerne mit den unterschiedlichsten Medien spielt, kommt sein Hörstück jetzt mit einer kleinen Show, einem Film und einem Konzert der Berliner Band Lychee Lassie auf die Bühne des HAU 2.

Die Idee, einen Hit synthetisch und mehr oder weniger ohne jegliches Talent aus vorhandenen Versatzstücken zusammenzubasteln, ist nicht ganz neu. Plamper hat sie sich von Jimmy Cauty und Bill Drummond geliehen. Die beiden britischen Musiker, besser bekannt als The KLF, schlugen der Musikindustrie schon in den Achtzigerjahren ein Schnippchen. Einerseits waren sie Vorreiter der elektronischen Avantgarde und des frühen Industrial, gleichzeitig produzierten sie unter einem ihrer vielen Pseudonyme (The Timelords) fast aus Versehen kommerziell erfolgreiche Mainstream-Musik. Nachdem sie es mit ihrem Hit „Doctorin’ The Tardis“ an die Spitze der Charts geschafft hatten, wollten sie wissen, wie das passieren konnte. Und sie schrieben 1988 ein Buch, dessen Spott mit einer trockenen Analyse der Musikindustrie einher ging: „Der schnelle Weg zum Nummer-eins-Hit.“

Eine lustigere Entzauberung des musikalischen Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit hat man selten gelesen. Gleichzeitig ist diese Satire auf die Pop-Industrie natürlich selbst bester Pop. Oder wie soll man die Warnung, mit der Cauty und Drummond dem Leser eine Gebrauchsanweisung an die Hand geben, sonst nennen? „In Teilen des Handbuchs werden wir dich bevormunden. In anderen betrügen. Wir werden dich belügen wie uns selbst. Du jedoch wirst diese Lügen durchschauen und die durchschimmernde, leuchtende Wahrheit erkennen...“

Sechs Jahre später führten Cauty und Dummond in einer berühmt gewordenen Aktion noch einmal unmissverständlich vor Augen, was sie vom Glamour des Pop-Geschäfts halten. Sie verbrannten die Kleinigkeit von einer Million Britischer Pfund – Geld, das sie mit ihren Hits verdient hatten. Nicht dass sie das arm gemacht hätte, es blieb noch genügend für ein beschauliches Leben jenseits der Hitparaden übrig.

Als Paul Plamper die beiden subversiven Pop- und Anti-Pop-Künstler im Februar 2002 trifft, können sie sich kaum noch an ihre eigenen Platten erinnern. Seine fassungslose Frage, „Ihr hört euch die nicht mehr an?“, beantworten sie mit sehr britischer Coolness: „Nein. Natürlich nicht.“

So hält sich Plamper an das legendäre Handbuch für sein Hörspiel. Den Film von der Geldverbrennung des britischen Dokumentaristen Gimpo holt der Regisseur erstmals nach Deutschland. Auch er narrt gerne mit den Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, zwischen Fakes und Fakten. Und so hört man in seinem Hörspiel nicht nur die Stimmen der Volksbühnen-Stars Astrid Meyerfeldt (als Erzählerin) und Milan Peschel (auf dem Weg vom Arbeitslosen zum Popstar), sondern auch semidokumentarische Aufnahmen, bei denen nie ganz klar ist, ob sie inszeniert sind oder Realität. Wie das Geraunze des routinierten Produzenten Olsen Involtini, der schon mit Rammstein und den Lemonbabies gearbeitet hat.

Plampers ironisches Spiel fand seine hübsche Fortsetzung übrigens in der Welt der real existierenden Hitparaden: Der streng nach den Regeln des Handbuchs gebastelte Hörspiel-Hit „I Can See It In Your Eyes“ schaffte es tatsächlich in die Charts (Platz 37). Die als Fake gegründete Band Milton produzierte weitere Singles, eine CD und ein Video, das auf MTV und Viva lief. Es sieht so aus, als wäre die Pop-Industrie reif für feindliche Übernahmen situationistisch inspirierter Konzeptkünstler.

„Top Hit leicht gemacht“, am 5. März um 20 Uhr im HAU 2 (Hallesches Ufer, Kreuzberg)

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