Kultur : In geheimer Mission

Trutzburg Wagner: Christof Nel inszeniert „Parsifal“ an der Oper Frankfurt

Christine Lemke-Matwey

Früher oder später ist jeder Regisseur reif für Wagners „Parsifal“. Früher oder später wollen sich alle an der pseudochristlichen Waberlohe des Bühnenweihfestspiels erhitzen, an seinem leitmotivischen Rätselraunen – und der bahnbrechenden Verlogenheit der Menschheitserlösungsmystik à la Schopenhauer auf den Grund gehen. Und fast alle scheitern, notgedrungen. Ob Bernd Eichinger an der Berliner Lindenoper zu einem fragwürdigen „Ich lese, was da steht“-Werktreue-Begriff Zuflucht nimmt, ob Christoph Schlingensief die Bayreuther Bühne mit allem Mythenmüll der Welt vollstopft, oder ob Kundry bei Peter Konwitschny in München gegen die geballte Misogynie des Stücks aufstehen darf: Diese Oper schafft uns mehr als alle anderen.

Wenn Christof Nel und sein Bühnenbildner Jens Kilian jetzt in Frankfurt an der Seite von Generalmusikdirektor Paolo Carignani zum Versuch ansetzen, treten sie in große Fußstapfen. Denn wem wären hier nicht noch Ruth Berghaus, Axel Manthey und Michael Gielen präsent, ihre grandios-zeichenhafte Recherche in Sachen Erlösung versus Erotik. Natürlich hinkt dieser Vergleich: Zwischen den beiden Aufführungen liegen über 20 Jahre – und Carignani ist Italiener.

Man muss nicht bis zu Toscanini zurückgehen, um zu ahnen, was das heißt: Leiden (mitleiden?) in Echtzeit, Wundenlecken und rituelle Gralsspeisung, als würd’s nicht gezeigt, sondern getan. Qualvollst langsame, stockende, nicht selten ersterbende Tempi also, gerade in den nie enden wollenden Rekapitulationen des ersten Aktes wie im finalen Enthüllungsgeschehen des dritten: Jan-Hendrik Rooterings Gurnemanz widmet sich seines Amtes mit langem Bass-Atem, ohne allerdings gewissen Eintönigkeiten im Ausdruck zu entgehen. Gern gibt sich auch der Klang des Frankfurter Museumsorchesters entkernt, leichenfahl, programmatisch ausgezehrt. Der Zuhörer aber merkt die Absicht und ist verstimmt: Die Gralsgesellschaft, sie siecht dahin, längst ein Reich der untoten Heiligen, ein in Selbstmitleid (!) ertrinkendes, mümmelndes Männerhospiz.

Die Aufwallungen (echter? falscher?) Leidenschaft, die Carignani im zweiten Akt den hinreißend frisch agierenden Mohnblumenmädchen (Kostüme: Ilse Welter) nebst Kundry angedeihen lässt, vermögen dagegen nicht allzu viel auszurichten. Oder ist’s Konzept, dass das eine unberührbar neben dem anderen steht, die weibliche Venus-Falle neben dem gralsritterlichen Speer, vor allem: der überreich glitzernde chromatische Wohllaut der Partitur von 1882, ihr Streben hin zu einer „Emanzipation der Dissonanz“, neben den martialisch glockengeschwängerten Crescendi des Jüngsten Gerichts?

Christof Nel legt diese Vermutung nahe, wenn er Kundry an Parsifals Erkennen im Kuss jämmerlich zerbrechen lässt. Nel hat – das zeigen seine Frankfurter „Salome“ oder seine „Frau ohne Schatten“ – eine stark psychoanalytische Schlagseite. Diese freilich kommt hier nur bedingt zum Tragen. Bei Kundry, die ganz vom Verstummen im dritten Akt her gelesen wird und im zweiten als Marionette Klingsors herhalten muss, um letztlich als autistisches Bündel an der Rampe zu landen (beredt, bisweilen in der Tongebung fast zu spröde: Michaela Schuster). Bei Parsifal, der in einem Pas de deux mit dem erlegten Schwan wie auch während der ersten Gralsspeisung sehr wohl begreift, im Grunde also ein Opfer von Gurnemanz’ Selbstgerechtigkeit wird (konditionsstark, höhensicher: Stuart Skelton). Und auch was das freudianische Verhältnis Titurel / Amfortas betrifft: Das ist der Vater in Wagnermaske (Markus Baldvinsson), der den Sohn (Alexander Marco-Buhrmester) regungslos weiter in den Schmerz treibt.

Der Rest des lang und länger sich reckenden Abends liefert erschreckend viel Wörtliches: Der Gral ist ein silberner Kelch, das Abendmahl zitiert Leonardo da Vinci, und der Damenchor singt aus dem dritten Rang. Jens Kilian hat einen Raum geschaffen, der das Dilemma – unfreiwillig oder nicht – präzise auf den Punkt bringt: In immer neuen Kreis- und Schlangenlinien dreht sich ein riesighoher Lattenzaun. Eine Trutzburg, ein geheimdienstliches Verlies. Mal sieht man nur Schatten huschen und kaltes Neon blitzen, mal wird der Blick freigegeben: auf eine gähnend leere, finstere Mitte, das fehlende Herz. Hier weiß niemand mehr, wo das Heil wohnt und was all die Rituale bedeuten. Weitermachen, lautet die Devise. Bis endgültig nichts mehr geht.

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