Kultur : In Georges Garten

Der Lyriker Jan Wagner flirtet mit dem Ästhetizismus

Michael Braun

Was ist das für eine erstarrte Kunstwelt, in die uns Jan Wagner in seinem neuen Buch „Guerickes Sperling“ locken will? Man kann den Eindruck gewinnen, hier huldige ein junger Lyriker einer ornamentalen, durch keine profane Realität erschütterbaren Idyllik. Der „Botanische Garten“, den das lyrische Ich durchquert, ist ein längst vermessenes Gelände, die Ähnlichkeit zu dem „totgesagten park“ Stefan Georges frappierend.

Der Kostbarkeitskult und die Exklusivitäts-Metaphorik der Fin-de-siècle-Poesie werden jedenfalls in diesem Gedicht geradezu ostentativ aufgerufen. Ein Vers wie „das licht aristokratisch fahl wie wachs“ bekräftigt die Künstlichkeit der Szenerie. Wagner neigt häufig zu solch erlesenen Bildern von eher dekorativem Wert. Naturphänomene werden in künstlerisch oder kunsthandwerklich vorgeprägte Objekte verwandelt. Gänse schwimmen hier „friedlich“ in Seen „aus weißem porzellan“, die Ansammlungen von Fischlaich erscheinen als „die winzigen perlen eines geplatzten kolliers“.

„Alles liegt nah und findet seinen maßstab/im auge des betrachters“: Diese schöne Maxime interpretiert Wagner mitunter so, als wolle er dem zufällig gefundenen Detail durch exquisite Metaphern eine besondere Leuchtkraft verleihen. Die Melancholie, heißt es einmal von Spaziergängern, „ist tief / in ihnen verstaut wie altes tafelsilber“. Hat hier jemand in den Truhen des 19. Jahrhunderts gewühlt?

Wer sich Wagners Gedichte genauer anschaut, wird entdecken, dass die scheinbar weich gezeichneten Szenen überall Risse bekommen, dass die Idylle mit Bildern der Unruhe und des Schreckens aufgebrochen wird. Im schon zitierten Eröffnungsgedicht „Botanischer Garten“ wird die Dekadenz-Szene konterkariert durch ein Erinnerungsbild an den Erstickungstod eines Wals. Oder im Gedicht „Hauch“. Das lyrische Ich empfindet während einer Autofahrt den verlockenden Duft der Geliebten – bis eine Unfallszene jäh die Tagträumerei unterbricht.

Bei aller Koketterie mit dem Repertoire des Ästhetizismus zeigt sich Jan Wagner in seinem zweiten Gedichtbuch als formbewusster Autor. Wie schon in seinem Erstling „Probebohrung im Himmel“ reaktiviert er entlegene Gedichtformen wie die Sestine, den Sonettenkranz oder das Haiku. Zu den intensivsten Texten gehören freilich nicht diese Demonstrationen von Formdisziplin, sondern die doppelbödigen historischen Urszenen, in die Wagner seine Helden verwickelt: etwa den Erfinder der Vakuumpumpe Otto von Guericke oder den Revolutionär Saint-Just. Die Balance von Schönheit und Schrecken gelingt im Gedicht „Störtebeker“, das einen Zweizeiler von Günter Eich fortschreibt. An den in einer Reihe aufgestellten Gefährten des berühmten Freibeuters taumelt hier der Körper des soeben Enthaupteten vorbei. Es bleibt offen, wann und ob der Körper fällt. Das Entzünden dieses Schicksalsaugenblicks ist Poesie.

Jan Wagner: Guerickes Sperling. Gedichte. Berlin Verlag, 86 Seiten, 16 €

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