Kultur : In Gottes Ohr

Yusuf Islam, der früher Cat Stevens hieß, veröffentlicht nach 30 Jahren ein neues Album

Christian Schröder

Es ist eine Stimme, die aus einer fernen Vergangenheit herüberzuwehen scheint. Ein wenig brüchig geworden ist sie mit den Jahren, fast heiser mitunter. Sie singt von Paradiesgärten und Schmetterlingen, von einer Welt ohne Grenzen und ohne Kriege und von der „wahren Liebe“, die einem Menschen oder Gott gelten kann. Dazu zirpt eine Akustikgitarre, Klavierakkorde perlen, sanft säuseln Frauenchöre. Es braucht nur ein paar Takte, bis man weiß, wer da singt: Cat Stevens ist zurück. Heute erscheint sein neues Album „An Other Cup“, und allein das ist schon eine Sensation.

Denn eigentlich gibt es Cat Stevens nicht mehr. Er hat vor fast dreißig Jahren aufgehört zu existieren, als sich der Sänger auf dem Höhepunkt seines Erfolgs so radikal wie kein anderer Star vor ihm aus der Musikbranche zurückzog. Er legte seinen Namen ab, nannte sich Yusuf Islam, versteigerte seine Gitarren und widmete sein Leben fortan seiner religiösen Erbauung und humanitären Projekten. Doch die Platte, die Yusuf Islam nun veröffentlicht, knüpft so nahtlos an den hymnischen Folkrock des Cat Stevens aus den siebziger Jahren an, dass man nur von einer Wiederauferstehung sprechen kann. Willkommen zurück unter den Lebenden, Mr. Stevens!

Mit seiner Musik schien Cat Stevens von Anfang an aus der Zeit gefallen zu sein. Die frühen siebziger Jahre, in denen er den Durchbruch schaffte, waren die Ära von Glampop und Hardrock. Während der Mainstream um ihn herum immer lauter, bombastischer und schriller wurde, wurde Stevens immer leiser. Er besang, begleitet nur von seiner Akustikgitarre und sparsamen anderen Instrumenten, das Leuchten nächtlicher Gestirne („Moonshadow“), beschwor die Liebe wie ein mittelalterlicher Minnesänger („Lady D’Arbanville“) und verwandelte ein Kinderlied in einen Engtanzklassiker („Morning Has Broken“). Er sei ein Entertainer, der es schaffe, „eine völlig neue Welt zu kreieren, an die man glauben kann“, jubelte die „Los Angeles Free Press“.

Der Sänger, 1947 als Sohn eines griechischen Vaters und einer schwedischen Mutter unter dem Namen Steven Demetri Georgiou in London geboren, war 1966 nach einem abgebrochenen Kunststudium bei der Plattenfirma Decca gelandet. Seine Single „Matthew And Son“ schaffte es zwar auf den zweiten Platz der britischen Charts, doch das Label pumpte seine filigranen Kompositionen mit Streichern, Bläsern und Chören auf. Stevens erkrankte an Tuberkulose und verschwand für zwei Jahre in der Versenkung. Zurück aus dem Sanatorium tingelte er durch kleine Folkclubs. Eine US-Tournee im Vorprogramm der Rockband Traffic machte ihn über Nacht zum Star.

Cat Stevens hat früh mit der Sinnsuche begonnen, er befasste sich mit Meditation und Yoga, versenkte sich in buddhistische Literatur und philosophische Werke. In der Hinwendung zum Islam sah er eine Rettung aus höchster Not. Als er an der Küste Floridas baden ging, so schilderte er sein Eweckungserlebnis, sei er beinahe ertrunken. „Ich befand mich im Ozean, recht weit draußen, und plötzlich konnte ich nicht mehr weiterschwimmen. In meiner Not rief ich: Gott, wenn du mich jetzt rettest, dann werde ich mich den Rest meines Lebens für dich stark machen.“ Eine Welle spülte ihn zurück an den Strand, Allah hatte ein Wunder vollbracht. Nach der Veröffentlichung seines letzten Albums „Back To Earth“ 1978 verwandelte sich Cat Stevens zu Yusuf Islam, gründete eine Koranschule im Londoner Norden, sammelte Spenden für Minenopfer und reiste mit Bart und Gelehrtenbrille als eine Art Wanderprediger um die Welt. 2004 macht er noch einmal Schlagzeilen, als ihm die USA als angeblich Terrorverdächtigem die Einreise verweigerten.

„An Other Cup“ ist, wie könnte es anders sein, Allah gewidmet. „All praise be to God“, gepriesen sei Gott, heißt es in den Linernotes des Albums, und in den Texten der elf Songs werden immer wieder Worte des Propheten Mohammed, Zeilen von Sufi-Mystikern und Zen-Weisheiten zitiert. Zum Komponieren wurde Yusuf Islam inspiriert, als sein Sohn eine Gitarre mit nach Hause brachte. „Als ich die Gitarre zum ersten Mal in den Händen hielt, fühlte es sich an, als ob in mir überdimensionale Schleusentore aufgehen“, sagt der Sänger. „Die Ideen und Melodien kamen, sie sprudelten buchstäblich aus mir heraus, ohne dass ich etwas dazutun musste.“ Zwei Jahre arbeitete Muslim an seinen neuen Songs, die Platte wurde dann von Rick Nowels produziert, der schon mit Madonna, Ronan Keating und Mel C gearbeitet hat.

In „Maybe There’s A World“ besingt Yusuf Islam, begleitet von einer federnden Akustikgitarre und einem fröhlich quietschenden Akkordeon, eine bessere Welt: „I have dreamt of an open world, borderless and wide / Where the people move from place to place and nobody’s taking sides.“ Im Auftaktstück „Midday (Avoid City After Dark)“ schildert er die Freuden eines Großstadtbummels bei Tageslicht und warnt vor den Versuchungen der Nacht. Das schönste Stück „Heaven/Where True Love Goes“ ist eine betörende Liebeshymne mit Hammondorgel, Bottleneck-Gitarre und Synthie-Streichern. Und den Animals-Hit „Don’t Let Me Be Misunderstood“, einzige Coverversion des Albums, macht Islam zu einer entrückten Ballade mit Pizzicato-Geigen und wehmütigem Sprechgesang.

„I Think I See The Light“ heißt eines der Stücke, und tatsächlich scheinen die Lieder von Yusuf Islam vor Optimismus zu strahlen. „In der heutigen Zeit, die durch Kriege und Tragödien so dunkel wirkt, ist es besonders wichtig, das Positive zurückzubringen – das will ich mit meiner Musik tun“, sagt er. Allah sei mit ihm.

„An Other Cup“ von Yusuf Islam erscheint heute bei Polydor/Universal.

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