Kultur : In Hülle und Fülle

MICHAEL S.CULLEN

An seinem 65.Geburtstag am 21.Juni 1993 wurde Tilmann Buddensieg in einer Aula der Bonner Universität emeritiert; anwesend waren viele seiner Studenten, Kollegen und Freunde, darunter Christo und Jeanne-Claude, die ihm eine Festschrift überreichten.Sie trug den Titel "Hülle und Fülle", den Namen eines Buddensieg-Vortrags über die Reichstagsverhüllung, der viele Bonner Abgeordnete dazu brachte, Christos Aktion zu unterstützen.Im Vorwort zur Festschrift findet sich das Leitmotiv des Buddensiegschen Wesens: In seinen fast vierzig Lehrjahren hat er die Studenten immer mit "kritischem Enthusiasmus", bisweilen auch mit kritischem Zorn begleitet.

Seinen Studenten vermittelte er dies einfühlsam.Viele von ihnen besetzen inzwischen wichtige Positionen in Hochschulen Museen und Redaktionen.Will man jedoch Buddensiegs gesamten Einfluß messen, genügt es nicht, den Scharfsinn seiner Gedanken zu bewundern.

Buddensiegs Interessen abzustecken, ist schier unmöglich.Unbändige Neugier treibt ihn täglich in immer neue unerforschte Gebiete, und es macht ihm nichts aus, auch geistige Minenfelder zu betreten.Ob es das Thema seiner Dissertation, die Basler Altartafel Heinrichs II., Besprechungen von Bibliotheksausstellungen in New York, ob es das Pantheon, Raffaels Grab, oder der Reichstag ist, ob Walther Rathenau, Friedrich Nietzsche, oder Edwin Redslob - immer forscht Buddensieg mit einer ihm eigentümlichen Mischung von Kritik, Begeisterung, Zorn und Humor.Alles ist gleich wichtig: Familie, Essen und Trinken, Pilze sammeln und Fußball, Theater- und Konzertbesuch, alles wird intensiv, leidenschaftlich und nicht ohne Kritik erlebt.Mit so viel Sinn für das Vergangene überrascht es, daß er stets für das Neue aufgeschlossen geblieben ist: ob als Berater der KPM oder von Berliner Senatoren.

Nirgends jedoch ist Buddensiegs Einfluß so nachhaltig gewesen wie durch seine Einführung des Begriffs "Industriekultur" in die Kunst-, ja die Zivilisationsgeschichte.Er war es, der mit einer Mischung von Enthusiasmus und Findigkeit für verborgene Quellen zwischen Archiv und Trödel unsere Augen für die Schönheiten des frühen Designs öffneten - vor allem in den Bauten und Produkten von Peter Behrens für die AEG.Der Kunsthistoriker selbst sammelte leidenschaftlich jeden Ventilator, Toaster und Wasserkessel, den Behrens für die AEG entworfen hatte.Wegweisend war 1979 das Buch "Industriekultur - Peter Behrens und die AEG 1907-1914", wegweisend 1981 die Ausstellung "Die Nützlichen Künste", wegweisend die Ausstellung "Die Wissenschaften in Berlin", für die Berliner 750-Jahr-Feier im Haus der Kulturen der Welt.

Tilmann Buddensieg wurde in Berlin geboren.Er entstammt einer thüringischen Pfarrersfamilie, deren prominentester Ahnherr Nietzsches Lehrer für Hebräisch, Griechisch und Religion in Schulpforta war.Nach seinem Studium von Kunstgeschichte, Archäologie, Philosophie und Germanistik promovierte er 1957 in Köln.Nach Anstellungen in Hamburg und Berlin habilitierte er sich 1965 in Berlin, wo er Ordinarius wurde; in Berlin blieb er zehn Jahre, ehe er 1978 nach Bonn wechselte.Kurz nach der Emeritierung 1993 zog er mit Familie zurück nach Berlin.1995 wurde er Honorarprofessor an der Humboldt-Universität.

Zu seinen anderen Werken zählen: "Die Villa Hügel - Wohnhaus Krupp in Essen" (Siedler, 1984), "Berliner Labyrinth" (Wagenbach 1994).Buddensieg war Fellow des Wissenschaftskollegs 1989/90, Fellow des Getty-Centers for the History of Art and in Humanities, ist Mitglied der Stiftung Einstein-Forum in Potsdam.

Manchmal, wenn man ihn anruft und vermutet, er sitzt über einem gewichtigen Aufsatz, schaut er im Fernsehen Fußball und kommentiert: "Die Bewegungen sind schön, wie auf antiken griechischen Vasen".Darüber hinaus ist Buddensieg Koch und Weinspezialist.Zur Zeit ist einer seiner Lieblingssätze von Nietzsche wichtig: "Nicht daß man etwas Neues zuerst sieht, sondern daß man das alte, Altbekannte, von Jedermann Gesehen und Übersehene wie neu sieht, zeichnet die eigentlich originalen Köpfe aus." Bei Buddensieg, der heute seinen 70.Geburtstag begeht, bekam man nicht nur Wissen, sondern auch Geschmack vermittelt.Wer bei ihm promoviert hat, heißt es - und sich denoch nicht mit Kunstgeschichte beschäftigen wollte - habe immer noch genug gelernt, um Weinhändler zu werden.

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