• In Karlsruhe diskutierten Finkielkraut, Sloterdijk und Houellebecq über den Menschen im Zeitalter der Biotechnik

Kultur : In Karlsruhe diskutierten Finkielkraut, Sloterdijk und Houellebecq über den Menschen im Zeitalter der Biotechnik

Rolf Spinnler

Jahrhundertelang war der menschliche Körper ein Theater der Anatomie. Wie auf Rembrandts Gemälde "Die Anatomiestunde" wurde er von den Wissenschaften wie den Künsten in Einzelteile zerteilt. Der Psychoanalytiker Lacan sprach vom "zerstückelten Körper", zerlegt in Parzialobjekte, auf die sich das Begehren richtet: Lippen, Augen, Haare, Brüste. Die Kombination dieser Einzelteile läßt sich für Lacan wie ein Text lesen: Der Körper wird zur Schrift. Heute ist ein Endpunkt dieser Entwicklung erreicht; die Wissenschaften sind bei den Elementarteilchen angelangt. Aus diesen Genen, so das Versprechen von Biologie und Medizin, läßt sich jetzt der Text des Körpers neu buchstabieren, umschreiben, korrigieren. Auch die neuen Medien lösen den Körper in minimale Bestandteile auf, stellen daraus neue künstliche Körperbilder her.

Von diesen zeitdiagnostischen Befunden hat sich das Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) zu einer Ausstellung inspirieren lassen: "Der anagrammatische Körper. Der Körper und seine mediale Konstruktion". Als Begleitveranstaltung fand eine Podiumsdiskussion statt, zu der ZKM-Direktor Peter Weibel die Philosophen Peter Sloterdijk (Karlsruhe) und Alain Finkielkraut (Paris) sowie den französischen Schriftsteller Michel Houellebecq eingeladen hatte. Das Thema des Abends: "Das neue Menschenbild. Zur Konstruktion des Humanen". Die Veranstalter hatten auf einen intellektuellen Schaukampf spekuliert, denn zwei der Gäste waren in der jüngeren Vergangenheit Gegenstand von heftigen Kontroversen. Sloterdijk hatte im vergangenen Sommer einen Vortrag mit dem Titel "Regeln für den Menschenpark" gehalten, der ihm den Vorwurf eintrug, er plädiere für eine Menschenzüchtung mit Hilfe der neuen Biotechnologien. Houllebecq war mit seinen zeitkritischen Romanen "Ausweitung der Kampfzone" und "Elementarteilchen" zum umstrittenen "Kultautor der Gegen-Moderne" avanciert. Er hatte eine wilde Abrechnung mit der Kälte und Liebesunfähigkeit der Postmoderne vorgelegt - und war ins idyllische Irland abgetaucht.

Entreißt das Humane der Konstruktion!

Das Podium bot einen aufschlussreichen Anblick. Weibel, Sloterdijk und Finkielkraut waren gekleidet, wie es der urbane Chick nahelegt: Dunkler Anzug, offener Kragen, kein Schlips. In diesem Ambiente wirkte Houllebecq wie ein Paradiesvogel. Mit seinem Rucksack, einem kurzärmeligen Hemd und einem Parka der 70er Jahre sah er aus wie der schüchterne Junge aus der Provinz, den eine Zeitmaschine in die kosmopolitische Gegenwart katapultiert hat. Die Professoren beherrschten die Szene, der Schriftsteller machte ironische Einwürfe und gab den Pausenclown.

Peter Weibel übernahm die Rolle des Verteidigers der neuen Körperkonstruktionen. Peter Sloterdijk sekundierte mit abgewogenen philosophie-geschichtlichen Lagebeurteilungen, die Franzosen übernahmen den Part der Fortschrittsskeptiker. Bei Finkielkraut kam diese Skepsis alteuropäisch gebildet daher, bei Houllebecq als Unbehagen aus dem Bauch. Er sei froh, dass das 20. Jahrhundert zu Ende sei, es habe ihm nicht gefallen. Finkielkraut artikulierte seine Vorbehalte gegen die schönen neuen Körperkonstruktionen mit Hilfe von Hannah Arendt und Heideggers Technikkritik. Die Technik beseitige das "Wunder des Anfangs", wenn sie die Geburt eines Menschen zum biotechnologischen Herstellungsprozess mache, statt sie ein unverfügbares Ereignis der Natur sein zu lassen. Das 20. sei ein Jahrhundert der totalitären Konstruktionen gewesen. Es gehe darum, "das Humane der Konstruktion zu entreißen". Finkielkraut sieht in unverfügbarer Natur einen Garanten der Freiheit; aber er weiß, dass das philosophische Konzept einer "natürlichen Ordnung" einen schweren Stand hat. Heimlich sympathisiert er mit dem Neoaristotelismus der Schule von Leo Strauss, ohne sich zu ihrem neokonservativen Programm zu bekennen.

Der reaktionäre Unterton

Houllebecq fürchtet zwar keine biotechnologische Diktatur, sondern meint, der Markt werde über die Anwendung neuer Körpertechnologien entscheiden. Doch er hat Angst vor dem Vordringen der technologischen Produktion in die Privatsphäre. Familie, Liebe, Natur - an diesen romantischen Werten hängt sein Herz. Damit war ein Thema erreicht, das die Kontroverse um seine Bücher beherrscht hat, seine Kritik an der sexuellen Revolution. Der Sex habe sich von der Liebe und der Natur entfernt, sei zur autistischen Körpererregungstechnologie geworden, die ohne Partner auskomme. Sloterdijk und Weibel war das zu viel Schwärmerei. Die Gegenwart sei gekennzeichnet durch die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung. Mit dem Klonen und verwandten Biotechnologien könnte eine menschliche Fortpflanzung möglich werden, die nicht mehr auf die sexuelle Vereinigung von Mann und Frau angewiesen ist. Homosexuelle Paare oder Einzelpersonen könnten dann Kinder mit ihrem Erbmaterial in die Welt setzen.

Diese Tendenz zur "monoparentalen Elternschaft" liege im Individualisierungstrend der Moderne, befand Sloterdijk. Umgekehrt bedeutet die Entlastung der Sexualität von der Fortpflanzungsfunktion so etwas wie "reinen Sex". Was denn daran so antihuman sei, fragte Peter Weibel seine französischen Gäste. Er berief sich auf den Laibacher Psychoanalytiker Slavoj Zizek und dessen ernüchterndes Urteil, auch Sex mit einem Partner sei im Grunde genommen nichts anderes als Selbstbefriedigung zu zweit. Er hätte auch Karl Kraus zitieren können: "Der Koitus ist nur ein schlechter Ersatz für die Onanie". Weibels Intervention machte deutlich, dass die kulturkonservativen Klagen über den Verlust der Natur in der technischen Zivilisation einen reaktionären Unterton haben. Denn die "natürliche Ordnung" unterdrückte einst alles, was nicht in ihr Konzept paßte: Homosexualität etwa. So haben die Homosexuellen als Pioniere die Befreiung der Sexualität von der biologischen Fortpflanzungsfunktion vorgelebt, und es wäre fatal, ihnen das jetzt zum Vorwurf zu machen.

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