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Nach dem Sex. Shin Ye-an, Yoon Dong-hwan in „From Seoul to Varanasi“. Foto: Berlinale
Nach dem Sex. Shin Ye-an, Yoon Dong-hwan in „From Seoul to Varanasi“. Foto: Berlinale

FORUM

Überwachen und Schlafen: „Bestiaire“ von Denis Coté

Tiere sehen dich an: Was der Blick auf Tiere über unsereins verrät, weiß der Kinogänger spätestens seit „Nenette“, Nicolas Philiberts Dokumentarfilm über ein greises Orang-Utan-Weibchen von 2010. Auch der Kanadier Denis Coté erkundet in seinem Essayfilm „Bestiaire“ das Wechselspiel von Betrachten und Betrachtetwerden. Kommentarlos beobachtet er Zeichenschüler vor einem ausgestopften Reh, zeigt Safari-Tiere, die in Baracken überwintern, und Tierpräparatoren bei der Arbeit. Eingehegte, eingepferchte Fauna, Büffel, Ponys und Hyänen hinter Eisengittern, Zäunen, Aluminiumwänden. Zuckende Vogelköpfe, ein hilflos flatternder Marabu mit nur einem Flügel, ein zerlegter und wieder zusammengeleimter Entenkadaver.

Coté ist ein abstrakter Filmkünstler, er studiert Materialien, Konsistenzen, Kontraste und verdichtet die Melancholie der gefangenen Kreatur zu anrührenden Chiffren. Gezwirbelte Hörner vor nacktem Beton, schwarzweißes Gefieder vor kalkiger Mauer, Fellrücken vor Wellblech, ein Affenhändchen im Maschendraht, apathische, ergebene, ungläubige Blicke. Scharniere quietschen, Hufe scharren, es gurrt, röhrt und piepst – die leise Kakofonie in den Baracken bildet den Soundtrack. Im Sommer verkehrt sich das Bild, jetzt sind es die Menschen, die in Blechkisten eingepfercht durch den Tierpark rollen. Ein Löwe räkelt sich auf dem Glasdach über den Köpfen der Safari-Besucher. Überwachen und Schlafen: seltsame Wesen, diese Menschen. Christiane Peitz

12.2., 20 Uhr (Cinestar Event Cinema), 13.2., 22.15 Uhr (Cubix 9), 16.2., 22.45 Uhr (Arsenal 1)

PANORAMA

Lieben und Bomben: „From Seoul

to Varanasi“ von Jeon Kyu-hwan

Der Verleger Youngwu (Yoon Dong- hwan) ist vom Einbruch der E-Books in seine Branche frustriert. Seine Ehe mit der zarten Jiyoung (Choi Won-jung) hat sich nach zehn Jahren totgelaufen. Der eitle Melancholiker flieht auf dem Motorrad übers Autobahngewirr von Seoul, um in anonymen Motels seiner Affäre mit der abgebrühten Schriftstellerin Suyeon (Shin Ye-an) nachzugehen.

Die Gattin tröstet sich beim Yoga, wo sie einen sensiblen Kanadier mit libanesischen Wurzeln kennenlernt, den es als Bistro-Besitzer nach Seoul verschlagen hat. Man kommt sich näher, die schüchternen Begegnungen im kalten Vorfrühlingslicht entwickeln mehr Charme als die ermüdende Sex-Akrobatik des Paars der Parallelgeschichte.

Kerim (Nollaig Walsh), der Kanadier, entpuppt sich als strenggläubiger Muslim. Niemals würde er eine Frau heiraten, die nicht seines Glaubens ist. Düsterer noch seine islamistische Mission, zu der ihn ein streng blickender Begleiter zu drängen scheint. Das Duo bricht nach Indien auf, auch Jiyoung fährt nach Varanasi, der heiligen Stadt der Hindus, als ihr abtrünniger Gatte ihre Schwangerschaft nicht wahrnehmen will. Die verhuschte reiche Koreanerin auf der Suche nach einem neuen Glück – in diesen Passagen ihres hilflos traurigen Trips wechselt der Film des koreanischen Regisseurs Jeon Kyu-hwan in die Rottöne exotischer Touristenwerbung. Der Gatte eilt Jiyoung nach, als er sie im Fernsehen aus einem indischen Restaurant wanken sah, das von einem Bombenanschlag verwüstet wurde.

Dunkel inspiriert von den islamistischen Anschlägen in Mumbai 2008 lädt Regisseur und Autor Jeon Kyu-hwan seine in abrupte Szenenwechsel zerfallende Trennungsgeschichte mit dem heißen Thema des global vernetzten Terrorismus auf. Diese Spekulation dürfte „From Seoul to Varanasi“ einen fadenscheinigen Erfolg als typischer Festivalfilm garantieren. Claudia Lenssen

12.2., 22 Uhr (Cinema Event Center), 13.2., 17.45 Uhr und 14.2., 20.15 (Cinestar 3), 17.1., 19 Uhr (Cinemaxx7), 19.2., 17.45 Uhr (Cinestar 3)

PANORAMA

Singen und Seitenwechseln: „Anak-Anak Srikandi“

Sie geht nochmal zurück auf die Straße. Zu ihrer alten Bank, zu ihren alten Freunden. Und sie singt nochmal mit ihnen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Eggie Dian wurde mit 16 Jahren von ihrer Familie verstoßen, weil sie lesbisch ist. Fortan lebte sie als Obdachlose in den Straßen von Jakarta, wo sie eines Tages unter windigen Anschuldigungen von der Polizei festgenommen und misshandelt wurde. Jetzt, viele Jahre später, erzählt sie ihre Geschichte in ihrem eigenen Film. „Anak-Anak Srikandi“ ist das gemeinsame Projekt von acht jungen queeren Frauen aus Indonesien. Sie haben sich gegenseitig dabei geholfen, ihre Erfahrungen in kleinen Essays, nachgespielten Szenen und experimentellen Sequenzen ins Bild zu setzen.

Entstanden ist ein sehr persönliches, kurzweiliges und auch witziges Patchwork, das einen Eindruck davon vermittelt, wie es sich für indonesische Frauen anfühlt, nicht den gesellschaftlich geforderten Gendernormen in dem muslimisch geprägten Land zu entsprechen. Zwischen den Episoden sind stimmungsvolle Szenen aus einem traditionellen Schattentheater zu sehen. Die Puppenspielerin Soleh wird von der Sängerin Ani begleitet, beide wurden als Männer geboren und treten jetzt als Frauen auf. In ihrem Stück geht es um die mythologische Figur der Srikandi, eine Kriegerin, die als Mann lebt und Frauen liebt. Das Stück zeigt: Homosexualität ist kein West-Import. Die Popmusik und auch die Rollendebatten in „Anak-Anak Srikandi“ hingegen schon. Wobei die Regisseurinnen das Butch-Femme-Androgyn-Schubladendenken in einem gemeinsamen Auftritt elegant aufbrechen. Sie tragen Schilder mit Selbstzuschreibungen wie „Girl Boy“, „Andro Femme“ oder „99% Lesbian“ und erfinden gleich noch ein paar neue Label dazu. Nadine Lange

12.2., 23 Uhr (Cinestar 7), 13.2., 15.30 Uhr (Colosseum 1), 18.2., 14.30 Uhr (Cinestar 7)

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