In KÜRZE : In KÜRZE

Julian Hanich
Berge von Arbeit. Angestellter von
Berge von Arbeit. Angestellter von

PANORAMA

Das Leben ist eine Pirouette:

„Frances Ha“ von Noah Baumbach

Frances schwatzt, lacht, labert, tanzt. Frances lümmelt, bummelt, wuselt vor sich hin. Frances ist aufgekratzt, witzig, frech, verletzlich, sprunghaft. Frances? Eine 27-jährige Tänzerin aus Kalifornien, die in Brooklyn eine Hipster-Ich-Ich- Ich-AG in eigener Sache betreibt. Alles dreht sich um sie selbst, ständig kreist sie um die eigene Achse. Die Pirouette ist auch beim Tanz die Figur, die sie am besten beherrscht. Kein Wunder also, dass es nie so recht vorangeht. Ihr Leben ist so unaufgeräumt wie all die Zimmer in den von ihr durchlebten Lofts, WGs und Wohnheimen. Männer umschwirren sie wie Motten das Licht – aber verbrennen tut sich kaum einer an ihr. Mit ihrer allerallerallerbesten Freundin Sophie (Mickey Sumner) will sie die Welt oder zumindest Manhattan erobern. Aber dann entscheidet sich Sophie doch plötzlich für den bürgerlichen Weg. Und das Leben von Frances geht lebensfroh weiter in Richtung unbekanntes Nirgendwo.

Frances hat einen Sehnsuchtsort: Paris. Und ganz ähnlich geht es auch dem Regisseur Noah Baumbach. Der 43-Jährige wurde 2005 mit „Der Tintenfisch und der Wal“ bekannt und war zuletzt mit „Greenberg“ auf der Berlinale vertreten. Mit „Frances Ha“, in Schwarz-Weiß gedreht und mit einigen autobiografischen Bezügen versehen, legen er und seine Ko-Autorin und Hauptdarstellerin Greta Gerwig ihre Bewunderung für das französische Kino offen: für die Nouvelle Vague, für Leos Carax und vielleicht auch für den jungen Franko-Kanadier Xavier Dolan. Die Dialoge sind schnell, witzig und sexuell mitunter recht explizit. Auch wenn manches ein wenig zu clever und hip rüberkommt: Allein die wunderbar linkisch-charmante Greta Gerwig macht alles wieder wett. Julian Hanich

11.2., 17.45 (Cinestar 3), 14.2., 18 Uhr (Friedrichstadtpalast), 15.2. 0 Uhr (Cinemaxx 7), 16.2., 17 Uhr (Cubix 9)

PANORAMA

Monströse Normalität:

„Workers“ von José Luis Valle

Zu dritt betrachten sie den Sonnenuntergang: Lidia und der Chauffeur sind an die Kühlerhaube des nach Westen geparkten Benz gelehnt, dazwischen liegt die Prinzessin, auf ein Samtkissen gebettet. Sie trägt ein goldenes Halsband und hat auch sonst exklusiven Geschmack. Schließlich ist man ihr zuliebe zum Aussichtspunkt gefahren. Die Prinzessin ist ein hübscher Windhund, dem es in der prachtvollen Strandvilla wesentlich besser geht als seiner Besitzerin, einer reichen, todkranken Mexikanerin, die zugleich Lidias Arbeitgeberin ist. Seit Jahren kümmert sich Lidia um den Hund.

Jeder Handgriff sitzt, wenn der salvadorianische Einwanderer Rafael zu nachtschlafender Zeit seinen Arbeitstag beginnt, und trotzdem überprüft er den Sitz seines Hemdes, die Frisur und die glatt rasierten Wangen noch einmal, bevor er sich einen Kugelschreiber in die Brusttasche steckt und seinen Wohnwagen verlässt. Anfangen kann der Putzmann einer Glühbirnenfabrik mit dem Schreibzeug selbst nichts. Er ist Analphabet.

Zwei prekäre Dienstleistungsverhältnisse stellt der mexikanische Film „Workers“ einander gegenüber – und führt die Absurdität solcher Ausbeutung in der postkapitalistischen Gesellschaft mit den Mitteln der leisen Groteske vor Augen. Dicht hinter der Normalität lauert das Monströse, und wenn man die Kamera nur lange genug stehen lässt, wird man es schon hervorlocken – nach diesem Prinzip scheint der Dokumentarfilmer José Luis Valle vorgegangen zu sein.

Und so folgt man seinen Protagonisten, dem Dienstmädchen und dem Putzmann, zunehmend gespannt durch zehn Jahre Leben, das in bedingungsloser Aufopferung für ihre Arbeitgeber zu bestehen scheint. Oder lässt sich das Blatt wenden, kann aus Abhängigkeit Freiheit werden? Rafael glaubt die Antwort auf diese Frage zu wissen; am Ende lächelt er gar ein einziges Mal. Und Lidia verlässt das Haus, in dem sie jahrelang die Prinzessin versorgte.

So gönnt der Film seinen Helden ein bisschen Glück zum Schluss, für uns jedoch endet er mit dem rätselhaften Bild, mit dem er auch begann: einer Strandansicht, die von einem weit ins Meer laufenden, hohen Zaun begrenzt wird – wer sich dahinter befindet, und wer davor, man weiß es nicht.Daniela Sannwald

11.2., 20 Uhr (International); 12.2., 12.30 Uhr (Cinemaxx 7), 13.2., 20 Uhr (Cubix 7 + 8), 16.2., 17 Uhr (International)

PANORAMA

Zauber der Routine: „La maison de la radio“ von Nicolas Philibert

In Paris erhebt sich im 16. Arrondissement an der Seine ein gewaltiges rundes Gebäude, das wie eine Krone mit antennenbestücktem Turm aussieht. Das größte je in Frankreich erbaute Haus ist seit fünfzig Jahren Sitz der nationalen französischen Rundfunkanstalt, die seit 1975 Radio France heißt. In dem eindrucksvollen Rundbau gehen täglich tausende Mitarbeiter ein und aus, wird vierundzwanzig Stunden lang auf sieben Kanälen gesendet. 14 Millionen Franzosen leben mit dem sprachverliebten, stilistisch feingebürsteten Sound von Radio France, mit Nachrichtensendungen, Wetterberichten, Info-Magazinen, Features und Talkrunden, mit Musik aller Richtungen, Live-Schalten und Sportberichten, Hörspielen, Konzerten, Literatursendungen, kuriosen Klangkunstwerken.

Der Dokumentarfilmer Nicolas Philibert gibt den gewöhnlich unsichtbaren Ohrenmenschen, die das Radio-Haus zum Klingen bringen, ein Gesicht, ohne Namen zu nennen, Funktionen und Hierarchien zu belobigen. Sein für Arte produziertes Radio-France-Porträt lässt die anzunehmenden Konflikte, die Streitpunkte eines solchen nationalen Mediengiganten außen vor. Philibert bleibt seiner Gabe treu, Menschen mit einer Portion Urvertrauen zuzuschauen, wie sie an ihren vertrauten Orten miteinander interagieren und etwas herstellen, das über kalte Routine hinaus Zauber entfaltet.

„Sein und Haben“ (2002), Philiberts erfolgreichster Film, fand solche magischen Momente der Entstehung von Kultur bei Kindern, die Lesen und Schreiben lernten. Auch „La maison de la radio“ setzt auf die diskrete Beobachtung, bei der die Kamera irgendwann vergessen wird. Ein halbes Jahr begleitete Nicolas Philibert den Alltag in Studios und Redaktionsräumen, fuhr mit den Sportreportern zur Tour de France, filmte Chorproben, immer wieder Redakteure an ihren Computern, lauschende Tontechniker, Stille und Lärm, Gesichter von Studiogästen, in denen die Fragen der Interviewpartner ein mimisches Feuerwerk entzündeten. Assoziativ montiert ist „La maison de la radio“ nicht nur eine humorvolle Liebeserklärung an die Pariser Radiomacher, der Film ist selbst ein lebendiges Sound-Gebilde, ein Stück visueller Musik. Claudia Lenssen

12.2. 17 Uhr (International), 13.2., 12 und 16.2., 17 (Cinestar 7), 17.2., 17.30 (Cubix 7)

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