Kultur : IN KÜRZE

WILLIAM STYRON 

Sturz in die Nacht. Die Geschichte einer Depression. Essay. Aus dem

Amerikanischen von

Willi Winkler. Ullstein

Verlag, Berlin 2010.

128 Seiten, 14 €.

Melancholie, Depression, Burnout, das Monster hat viele Namen. Und es ist leicht zu verwechseln, mit ungleich harmloseren Arten. Antriebslos, schlapp, keine Lust auf die Arbeit oder den Wochenendausflug: Wer kennt das nicht. Reiß dich zusammen, sagt man oft, wenn einer über akute Depressionen klagt.

Seit dem Selbstmord des Nationalspielers Robert Enke weiß die Gesellschaft genauer zu unterscheiden, zwischen „normaler“ Depri-Stimmung und der oft tödlichen Krankheit Depression. Eins der besten Bücher gegen die Verwechslungsgefahr stammt von 1990, es war lange vergriffen. William Styrons Essay „Sturz in die Nacht“ ist ein Höllentrip, die Hiob-Erzählung eines Überlebenden. Nüchtern beschreibt der amerikanische PulitzerPreisträger die drastischen Symptome, Gedächtnisverlust, Schlaflosigkeit, Selbstekel, Suizidobsession, den Kerker des Wahnsinns. Styrons Panikattacken wachsen sich zu unerträglichen Schmerzen aus, eine Folter, für die der Schriftsteller kaum Worte findet. Es ist ein Stammeln, ein Schrei. Wenn unsereins wortreich über Depressionen klagt, hat einen die Krankheit offenbar nicht im Geringsten erwischt. Styron (der 2006 an Lungenentzündung starb) benennt auch, was ihn gerettet hat: die Engelsgeduld seiner Lebensgefährtin, eine gute Klinik, Psychopharmaka in richtiger Dosierung. Es liegt etwas Beschwörendes darin. Die Dämonen sind vorerst gebannt, aber sie lauern in nächster Nähe.Christiane Peitz

RAFAEL YGLESIAS

Glückliche Ehe. Roman. Aus dem Amerikanischen

von Cornelia Holfelder-von der Tann. Klett-Cotta, Stuttgart 2010.

427 Seiten, 22,90 €.

Der Plot ist bekannt seit dem Welterfolg von „Love Story“ 1970: ein ungleiches Paar, das gegen alle Widerstände zusammenkommt. Doch dann erkrankt die Braut an Krebs und stirbt in den Armen ihres Mannes, der bis zuletzt an Rettung glaubt und sie hingebungsvoll pflegt. Vielleicht schleicht sich der Verdacht einer Verwandtschaft mit dem Film-Melodram deshalb ein, weil sich die beiden Protagonisten des Romans „Glückliche Ehe“ im New York der siebziger Jahre begegnen, vielleicht auch wegen der Nähe des Autors zum Filmgeschäft. Bekannt wurde er vor allem mit Drehbüchern für „Der Tod und das Mädchen“ und „Les Misérables“.

Yglesias’ Roman hat das Zeug zum Schmachtfetzen, so dramaturgisch direkt peitscht er die Gefühle der Leser auf, indem er die ersten drei Wochen der Begegnung des Paares und die letzten drei Wochen bis zum Tod der Gattin knapp dreißig Jahre später Kapitel um Kapitel gegeneinander setzt. Auf die Erektionsprobleme des jungen Eroberers folgen die herzzerreißenden Details, wie der ausgemergelte Körper der Krebskranken mit Zugängen, Kanülen und Ports perforiert ist. Für den Leser verstärkt sich die Pein dadurch noch mehr, dass Yglesias den Roman seines eigenen Lebens erzählt. Mitreißend bleibt er trotzdem. Wie schon bei „Love Story“ bleibt niemand von der Geschichte einer Liebe unberührt, die sich in dem Moment erfüllt, da sie auf Erden endet. Nicola Kuhn

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