Kultur : In "Mein Mörder" versetzt sich Monika Helfer in den Kopf des kleinen Ferdinand

Eva Leipprand

"Ich kenne einen Mörder. Ich habe ihn nicht verraten. Ich bin schließlich ein Kind und ohne Verantwortung für das, was auf der Welt geschieht." Merkwürdiger Anfang einer verstörenden Geschichte. Wer spricht da? Was ist das für ein Kind, das so souverän seine Unmündigkeit begründen kann? Das Kind stellt sich mit dem Namen Ferdinand vor und macht sich Gedanken darüber, wann man töten darf und wann nicht. Seine Großmutter kann Ferdinand nicht leiden, weil sie den ganzen Tag raucht und auf der Mutter herumhackt. Einen Vater hat er nicht, der war nur zu seinem "Entstehen notwendig". Seine Mutter "gehört zu der Sorte Frauen, die jeden Tag mindestens einmal verzweifeln." Die Mutter liebt er, die muss er beschützen, sie hat nur ihn. Sein Mörder, erzählt er, heißt Tschakko Moosbrugger. "Er hat seinen Vater und eine Frau, die nicht seine Mutter war, im Wohnzimmer erschossen. Dort war für die beiden ein Bett gemacht."

Zögernd bewegt er sich auf die Story zu

Durch seinen Mörder hat sich alles verändert. "Bevor ich ein anderer wurde, führte ich ein Kinderleben." Mit knappen starken Sätzen entwirft Monika Helfer die Exposition ihres neuen Romans. Der Erzählvorgang selbst ist die wesentliche Handlungsebene. Ferdinand berichtet aus dem Abstand von "einer Jahreszeit". Ab und zu unterbricht er sich, muß etwas dazwischensagen, kann etwas noch nicht erzählen. Nur zögernd bewegt er sich auf seine Geschichte zu. Seine Tage verbringt er im Pyjama vor dem Fernseher, während die Mutter in der Zahnfabrik arbeitet. Offenbar geht er noch nicht zur Schule. Wenn die Mutter ihn küsst, setzt sie ihn vor sich auf die Kommode, damit sie auf gleicher Höhe sind.

Tschakko, sein Mörder, ist siebzehn Jahre alt. Eines Tages sitzt er im Keller und will versorgt und auch in die Wohnung gebracht werden. Tschakko bringt Ferdinands kleine Welt durcheinander. Wie geht das Töten? Wie bringt man zwei Leichen weg? Ferdinand will alles genau wissen. "Du bist nämlich der einzige Mörder, den ich kenne." Tschakko hat "in seiner Familie aufgeräumt". Das ist faszinierend, obwohl für Ferdinand die "Gemütlichkeit" daheim das Allerwichtigste ist. Er ist hin- und hergerissen. Endlich hat er einen Freund. Aber der wird rasch ziemlich unangenehm und kommandiert ihn herum. Er versteckt auch sein Gewehr unter Ferdinands Bett.

Ferdinand möchte aus der Sache von Tschakko heraus, zumal immer zweifelhafter wird, was an seiner Geschichte überhaupt stimmt. Viel wichtiger ist, dass der Freund der Mutter zurückgekehrt ist, und mit ihm das Glück, und dass sie nun alle drei zusammen gemütlich im Bett liegen. Dann steht eines Tages die Frau des Freundes der Mutter vor der Tür, die "Königin von Saba", und es geschieht wie von selbst, dass Ferdinand das Gewehr unter seinem Bett hervorholt und die Königin von Saba erschießt. "Was jetzt aus mir wird, weiß man nicht."

Monika Helfer, erfolgreiche Autorin aus Vorarlberg, hat auch diesmal wieder einen in seiner konzentrierten Kürze bezwingenden Roman geschrieben (während ihr Mann Michael Köhlmeier, im Kielwasser griechischer Heldensagen, zu epischer Breite neigt). In ihrer Prosa ist kein Adjektiv zu viel, kein Detail ohne Bezug. Sie bleibt auch ihrem Thema treu. In Familien, wie sie heute sind - alleinerziehende Mütter, wechselnde Partner, Beziehungen immer wieder neu zu adjustieren - versuchen sich die Kinder durchzuschlagen, ihre Inseln zu sichern.

Sparsam aber prägnant ist die Umgebung gezeichnet, die Wohnblocks, die Spedition Weiss, der Fluß. Im Supermarkt eine Frau, die ihr Baby im Regen stehen lässt. Beeindruckend sind die Dialoge zwischen Ferdinand und Tschakko in ihren verschiedenen Schichten - der Machtkampf zwischen den ungleichen Freunden, die Schicksalsgemeinschaft, wenn sie sich ihre Familiengeschichten erzählen, ohne sie wirklich begreifen zu können. Es ist immer ein gewagtes Unternehmen, einem Kind das Erzählen der Geschichte zu überlassen. Die Beschränkung des Blickwinkels kann stören, gewollte Naivität künstlich wirken. Monika Helfer hat das Perspektivproblem souverän gelöst. Dass Ferdinand oft wie ein Erwachsener redet, ist ein wichtiges Element der dargestellten Welt. Er ist "Vielfernseher" und durchs Alleinsein gewohnt, sich und andere zu beobachten. Für ihn gibt es keine geschlossene Kinderwelt. Manchmal kommt er sich sogar älter als seine Mutter vor, die er in ihren glücklichen und in ihren unglücklichen Stunden mit Empathie beschreibt.

Die trockene Weisheit eines 6-Jährigen

"Wem redest du nach?" fragt Tschakko. Der Sechsjährige eignet sich die Sprache der Erwachsenen an und verwendet sie mit trockener Weisheit. Als die Mutter mit dem zurückgekehrten Freund im Schlafzimmer verschwindet, möchte Ferdinand sein Teil zum Glück beitragen. "An diesem Abend war es mein ausdrücklicher Wunsch gewesen, die Küche aufzuräumen." Mit dem aus Fernsehserien gewonnenen Erfahrungsschatz kommentiert er seine Beobachtungen und ordnet sie ein. Die Komik, die dabei entsteht, gibt dem Buch Leichtigkeit, trotz der harten Story.

Die Wahl der Bilder verrät immer wieder die Kindersicht, so etwa, wenn Ferdinand sich dem Wunsch der Erwachsenen fügen soll "wie die Wurst in zwei Brothälften". An einer Stelle allerdings fehlt jeder erklärende Kommentar. Wie Ferdinand das Gewehr holt und auf die Königin von Saba abschießt, das läuft wie automatisch ab, auch in der Sprache markiert als völlig überraschendes und unerklärliches schwarzes Loch, das die Geschichte in sich einsaugt. Warum hat Ferdinand das getan? Eine zweite Lektüre seines Bekenntnisses enthüllt die Fülle, die in diesem dichten kleinen Buch enthalten ist.

EVA LEIPPRANDMonika Helfer: Mein Mörder. Roman. Piper Verlag. 160 Seiten, 29,80 DM.

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