Kultur : In meinen Augen war die Welt nie feindlich

Widerspruch und Versöhnung. Zum 100. Geburtstag des Philosophen Hans Jonas

Ulrike Baureithel

Ein Memoirenschreiber im üblichen Sinne war er nicht. Weder ging es ihm in seinen „Erinnerungen“ um einen im Nachhinein sinnstiftenden Lebensentwurf noch um eine Heldenbiografie. Mehr empfand er sich als confident, einen Vertrauten der Zeitläufte – auch im Hinblick auf seine Freundin Hannah Arendt. Sie blieb ein lebenslanger Bezugspunkt für Hans Jonas. Anderen wie seinem Lehrer Martin Heidegger kehrte er den Rücken, wieder andere wie der schillernde Leo Strauss (dem konservativen Vordenker heutiger US-Politik) tauchten phasenweise auf – viele überlebten nicht den Holocaust. Miteinander verknüpft, bilden diese Namen das Netz einer deutsch-jüdischen Geisteselite, in dem sich die Denkbewegungen der Zwischenkriegszeit verdichten.

Im Fall von Hans Jonas, der morgen, am 10. Mai, hundert Jahre alt geworden wäre, kommt noch etwas hinzu. Die Strahlkraft seines Denkens hat sich noch in den Achtzigerjahren entfaltet und musste nicht, wie bei vielen seiner Wegbegleiter, posthum entdeckt werden. Obwohl, oder vielleicht gerade, weil er nie nach Deutschland zurückkehrte, konnte seine Verantwortungsethik hierzu lande relativ angstfrei und ohne „Trauerarbeit“ aufgenommen werden.

Eine Ausnahmeerscheinung war Jonas schon unter den Intellektuellen seiner Zeit. Während es viele von ihnen nach dem Ersten Weltkrieg zum Sozialismus zog, entdeckte der als „zu schade fürs Geschäft“ befundene Sohn des Textilfabrikanten Gustav Jonas und Rosa Horowitz frühzeitig den Zionismus. Von Haus aus nicht unbedingt orthodox erzogen und mit vorwiegend „historischem Interesse an der Bibel“, fruchtete bei dem Student der Philosophie die Herzlsche Idee von der jüdischen Nation. Das trennte ihn nicht nur von vielen Gleichaltrigen, sondern auch von seinen Lehrern wie Edmund Husserl, der ihn durch das ersten Studienjahr in Freiburg begleitete und der wie viele assimilierte Juden wenig empfänglich für das jüdische „Sonderinteresse“ war.

In seinen Berliner Studienjahren bewegte sich Jonas dann ausschließlich in zionistischen Zusammenhängen; in Marburg wiederum, wo er zu Heideggers Jüngern gehörte, stieß er bei den Freunden Hannah Arendt und Günter Anders (vormals Stern) eher auf Unverständnis.

Dem Kapitel Heidegger räumt Jonas einen wichtigen, aber keineswegs überragenden Stellenwert ein. Gewiss spricht Jonas die tiefe Enttäuschung über den großen Lehrer an, der 1933 die Philosophie an die Nationalsozialisten auslieferte und nach 1945 darüber schwieg. Jonas wiederholt seine schon in den Sechzigerjahren formulierte Kritik am Existenzialismus Heideggerscher Prägung, den er für zutiefst „heidnisch“ erklärt und verwandt mit jener „gnostischen Weltflucht“, mit der er sich in seiner Dissertation befasst hatte.

Stärker (und leidenschaftlicher) als den „Abschied von Heidegger“ konturiert Jonas sein Engagement für den Zionismus und gegen Hitlerdeutschland, das nach seiner Auswanderung nach Palästina 1933 auch unmittelbar existenziell bedeutsam wurde. Zu den zentralen Teilen seiner aus Gesprächen mit Rachel Salamander zusammengesetzten „Erinnerungen“, die soeben im Suhrkamp Verlag erschienen sind, gehört die Auseinandersetzung mit dem bellum judaicum, dem Aufruf an die Juden, sich unter eigener Flagge am Krieg gegen Hitler zu beteiligen. Das in voller Länge abgedruckte Pamphlet ist (neben den bislang ebenfalls unveröffentlichten „Lehrbriefen“ an seine Frau Lore, in denen Jonas die Grundzüge seiner „organischen Philosophie“ entwirft) ein aufschlussreiches politisches Vermächtnis des Philosophen.

Als „metaphysischer Feind“ des Nationalsozialismus, heißt es dort, bleibe dem jüdischen Volk – bei Strafe des Untergangs – gar keine andere Wahl, als bewaffnet gegen Hitlerdeutschland zu kämpfen. Jonas gehörte zu den wenigen bekannten Intellektuellen, die sich tatsächlich an der „Jewish Brigade Group“ (unter der Führung Großbritanniens) beteiligten. Nur als Soldat einer siegreichen Armee, hatte sich der junge Mann bei seiner Emigration geschworen, wollte er nach Deutschland zurückkehren.

Dies hat er eingelöst. Ob er sich darüber im Klaren war, dass er, der Kritiker der gnostischen Weltflucht, deren dualistische Weltsicht teilte, als er den „mythologischen Gegensatz“ von Judentum und Nazismus behauptete und den „Zwang zur Entscheidung“ proklamierte? Die Freude beim Anblick der zerstörten deutschen Städte mag sich biografisch unschwer erklären (Jonas Mutter starb in Auschwitz); philosophisch und ethisch hat Jonas das durchaus Probleme bereitet – und ihn zu dem berühmten „spekulativen“ Essay über den „Gottesbegriff nach Auschwitz“verführt.

Dass Jonas mit seiner Familie am Ende Jerusalem dennoch verließ, hat ihm den Vorwurf eingebracht, den Zionismus verraten zu haben. In Kanada und später in den USA erfüllten sich zumindest seine akademischen Ambitionen. Er fand Zeit, seine in den bioethischen Debatten wieder höchst aktuelle Verantwortungsethik zu entwickeln. Dass er kein Messias sein wollte, der mit Utopien handelt, hat der Philosoph gegenüber entsprechend gestimmten Kollegen immer in Anschlag gebracht. Seine „Erinnerungen“ offenbaren ein pragmatisches Verhältnis zur Welt, die er „nie als feindlich“ empfand.

Ein Memoirenschreiber wollte er nicht sein. Aber er war ein brillanter Erzähler, der beiläufig und detailgenau zwischen Alltag und philosophischem Höhenflug, hoher Minne (Hannah Arendt ist zweifellos die heimliche Schwäche im Leben des Hans Jonas) und Klatsch (man lese etwa die kleinen Gemeinheiten über Jakob Taubes) mäandert, ohne je den Überblick zu verlieren.

Hans Jonas: Erinnerungen. Nach Gesprächen mit Rachel Salamander und mit einem Nachwort von Christian Wiese. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2003. 503 Seiten, 24,90 €.

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