Kultur : "In meiner Kindheit ist die Welt immerfort eingestürzt"

CHRISTOPH VON MARSCHALL

Die Freie Universität Berlin darf für sich in Anspruch nehmen, ihre Geschichte spiegele die großen ideologischen Auseinandersetzungen der letzten fünf Jahrzehnte.Aber es gibt Biographien, die sowohl in der Zeitspanne als auch in der Bandbreite der gelebten Glaubenshaltungen einen noch größeren Erfahrungsbogen umspannen.So ist es weit mehr als nur ein glücklicher Einfall, daß die FU heute Bronislaw Geremek zum 50.Geburtstag des Otto-Suhr-Instituts die Ehrendoktorwürde verleiht.Der polnische Außenminister hat die Widersprüche dieses Jahrhunderts am eigenen Leibe erfahren.Deshalb beherrschen der Schutz des Individuums vor der Diktatur, der Einsatz für Menschenrechte und Meinungsfreiheit seine Politik.Geremek verkörpert heute womöglich besser den Geist, der vor 50 Jahren zur FU-Gründung führte, als gleichaltrige Persönlichkeiten, die im früheren Westen aufwuchsen.Seine Würdigung kann dazu beitragen, diesen Geist für die Generation junger Deutscher wiederzubeleben, die solche existentiellen Herausforderungen wie er nicht aus eigener Anschauung kennen.

Geboren am 2.März 1932 als polnischer Jude, geprägt durch den Tod des Vaters in Auschwitz und das Elend im Warschauer Ghetto, gerettet von Katholiken, die ihn in ihrem Glauben erzogen, fasziniert durch den Marxismus, den er für sich als Lehre aus dem Faschismus annahm, bekehrt durch die Aufdeckung der stalinistischen Greuel 1956 und den Ungarn-Aufstand, 1968 aus der Partei ausgetreten wegen des Einmarschs in Prag und der antisemitischen Kampagne des chauvinistischen Moczar-Flügels des Regimes in Warschau, zunehmend international geachtet als akademische Kapazität (mittelalterliche Kulturgeschichte), in den achtziger Jahren der intellektuelle Kopf der Solidarnosc und mehrfach interniert, 1989 einer der entscheidenden Strategen des friedlichen Machtwechsels in Polen: dieser Mann, der von sich sagt, "in meiner Kindheit ist die Welt immerfort eingestürzt", kämpft leidenschaftlich darum, die Welt lebenswerter zu machen.In den neunziger Jahren war er in China und auf dem Balkan als unermüdlicher und kompromißloser Verteidiger der Menschenrechte unterwegs, zuletzt von Juli bis Dezember 1998 als OSZE-Vorsitzender und Vermittler in Kosovo.

Da verbindet Geremek vieles mit seinem deutschen Kollegen Joschka Fischer, der sich in seinem engen Terminkalender Zeit reservierte für die heutige Ehrung in Berlin: Politik muß moralisch begründet sein, kann sich nicht nur an Macht und Interessen ausrichten.Und insofern hat es einen ironischen Zug, daß der Pole den bei der EU-Osterweiterung auf Realismus drängenden Deutschen bei dessen Antrittsbesuch in Warschau meinte mahnen zu müssen: aber bitte auch Idealismus und Romantik; ohne sie lasse sich das historische Projekt nicht verwirklichen.Internationale Solidarität erwartet Geremek nicht aus nationalem Interesse; kaum eine Regierung im Westen wirbt so stark wie die polnische für eine Anbindung der Ukraine und anderer Nachbarn."Wir wollen nicht neue Grenzen errichten, sondern alte abtragen", verlangt Geremek immer wieder.Sehr gut hat er noch die Zeiten in Erinnerung, als Polen von Reisefreiheit und unbehindertem Warenaustausch ausgeschlossen war.Die Integration Europas ist ihm weniger eine technisch-administrative Herausforderung als vielmehr eine wahrhaft geschichtliche Mission.Polens Ostgrenze darf nach dem Beitritt zu EU und Schengen-Raum weder zu einem neuen Eisernen Vorhang werden noch dauerhaft zu einem dauerhaft trennenden Wohlstandsgraben.

Geremek hatte das große Glück, daß ihm die Reisefreiheit in den prägenden Studienjahren nicht verweigert wurde.Damals setzte er ja noch darauf, daß die kommunistische Partei ihre hehren Ziele nicht der Machtausübung unterordnen würde.Und so ist er einer der ganz wenigen Beispiele in der modernen arbeitsteiligen Welt, wo das aristotelische Ideal des Philosophen als (Mit-)Herrscher Wirklichkeit geworden ist.Bronislaw Geremek ist ein international renomierter Mittelalter-Historiker, Teile seines Werk wurden in zehn Sprachen übersetzt.In Paris hatte er bei Fernand Braudel studiert, in den sechziger Jahren kehrte er mit einen Lehrauftrag an die Sorbonne zurück und leitete Polens Kulturzentrum an der Seine.1977/78 genoß er ein Forschungsjahr in Washington D.C.Geremeks Themen waren - neben der Promotion über den Deutschen Orden - Studien über Elend und Armut, über die Chancenlosen und Außenseiter.In Polen verweigerte das Regime dem 1972 Habilitierten die Ernennung zum Professor.Sie wurde erst 1989, nach der Wende, möglich.

Doch da war Geremek längst in die Politik gegangen, wo sie den passionierten Pfeifenraucher gerne als "den Professor" titulieren.Der Solidarnosc war er als strategischer Denker zunehmend unverzichtbar geworden - beginnend mit dem denkwürdigen Streiktag auf der Danziger Werft 1980, an dem Geremek mit Tadeusz Mazowiecki zu den Arbeitern reiste, um sie der Solidarität der Warschauer Intellektuellen zu versichern.Nach der Wende und dem Sieg der vormaligen Opposition in der ersten völlig freien Wahl 1991 scheiterte sein Sprung an die Spitze der Regierung gleichwohl.Ein Ministerpräsident jüdischer Abstimmung war dem damaligen Polen nicht vermittelbar.Als Vorsitzender des Außenpolitischen Ausschusses machte er seine weltweiten Kontakte Polen nutzbar - und diese Funktion ließ ihm die exkommunistische Linke auch nach ihrem Erdrutschsieg 1993 dank des lagerübergreifenden Respekts vor Geremek.

Sein Lebensweg hat ihn Geduld gelehrt.1997, nach dem zweiten Wahlsieg des früheren - inzwischen in nationale und liberale Parteien aufgesplitterten - Solidarnosc-Lagers, kam er als Vertreter der weltoffenen Demokratischen Union doch an die Regierung - als Außenminister.Eine Karriere, wie sie eben nur in Umbruchzeiten möglich ist, hingegen kaum in etablierten Demokratien.

Geremek ist vielfach ausgezeichnet worden: mit Orden und bereits zwölf Ehrendoktorwürden, dazu 1998 mit dem Aachener Karlspreis.Und doch hat die dreizehnte, die ihm heute in Berlin verliehen wird, einen besonderen Symbolwert.Weil die Freie Universität, wie er selbst, für das unbeugsame Aufbegehren gegen die Diktatur und die Teilung Europas steht.Und weil Berlin wie keine andere europäische Stadt die Überwindung der Teilung und das in seiner Dimension völlig neue deutsch-polnische Miteinander verkörpert, das Geremek und Fischer nun unwiderruflich in die europäische Integration einbetten werden.

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