Kultur : In mir sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld

Die irakisch-britische Schriftstellerin Betool Khedairi lebt in Jordanien – morgen liest sie aus ihrem Romandebüt in Berlin

Andrea Nüsse

Die irakische Schriftstellerin Betool Khedairi kennt die Gegensätze zwischen westlicher und orientalischer Kultur, von denen dieser Tage so viel die Rede ist. Sie ist als Tochter eines irakischen Vaters und einer schottischen Mutter in Bagdad aufgewachsen, später nach England übergesiedelt und lebt heute in Amman. In ihrem ersten Roman „A sky so close“, der im Jahr 2001 in den USA gefeiert wurde, geht es um den Zusammenprall beider Kulturen. In dem Entwicklungsroman schildert ein namenloses Mädchen mit irakischem Vater und britischer Mutter seine Kindheit auf dem Lande südlich von Bagdad, wo es den Saft von Aprikosenbäumen als Kaugummi kaut und unter freiem Himmel auf dem Dach schläft. Für seine Mutter, die auch in dieser fremden Umgebung täglich ihren 16-Uhr-Tee zu sich nimmt, hat das Kind wenig Verständnis. Später erlebt die Heranwachsende den Iran-Irak-Krieg in Bagdad, das Geschützfeuer mischt sich mit den Klängen der Klaviermusik, die das klassische Ballett-Training der Jugendlichen begleitet. Im dritten Teil reist die junge Frau mit ihrer krebskranken Mutter nach Großbritannien und versöhnt sich mit ihrer europäischen Seite. Auch wenn es viele Parallelen zum Leben der Autorin gibt, will sie nicht von einer Autobiographie sprechen. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich in der von ihr beschriebenen Liebesgeschichte; vorehelicher Sex ist noch immer ein Tabu in der arabischen Gesellschaft.

Auch politisch will sich Betool Khedairi nicht festlegen. „Ich habe mich immer als Brücke zwischen den Welten gefühlt“, erklärt die 37-Jährige. Das nimmt man der Frau, die dem Lebensmittelkonzern des Vaters den Rücken gekehrt hat, um französische Literatur zu studieren und zu schreiben, ab. Sie liebt die arabische Welt und will dort leben, dem Druck der gesellschaftlichen Normen scheint sie aber zu widerstehen. So wohnt die geschiedene Frau allein in Amman, was in der konservativen jordanischen Gesellschaft ungewöhnlich ist.

Doch die jetzige Krise bedeutet auch für sie eine Zerreißprobe. „Meine emotionelle arabische Seite streitet mit meiner rationalen britischen Hälfte“, sagt die Frau mit den dunklen halblangen Haaren. „In mir sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld.“ Einerseits ist sie gegen Krieg, andererseits wünscht sie sich, dass Irak „mental“ den Anschluss an die Welt wiederfindet. Sie hat die irakische Mittelklasse aus ihrer Jugend als liberal in Erinnerung. „Frauen arbeiteten und trugen nur sehr selten einen Schleier, wir hatten viel Kontakt zu Ausländern.“ Heute sei die Gesellschaft viel konservativer, man fürchte sich vor allem, was von außen kommt. „Ich könnte dort heute nicht leben“, sagte sie noch vor Kriegsausbruch.

Im täglichen Leben hat sich Betool Khedairi große Disziplin auferlegt. „Ich schreibe von acht bis 14 Uhr, dann esse oder schwimme ich, am Nachmittag lese ich oder mache Notizen.“ Mehrere Jahre hat sie für ihr Erstlingswerk gebraucht, das ihr Cousin, ein Arzt, übersetzte. Wenn eine neue „Ära“ in ihrer Heimat anbräche, würde Betool Khedairi vielleicht nach Bagdad zurückgehen. Bis dahin versucht sie auf ihre Weise, trotz der „deprimierenden“ Situation, Hoffnung und Leichtigkeit aufzubringen: Ihr eben fertig gestellter zweiter Roman, der vom Leben und Leiden irakischer Familien in einem mehrstöckigen Wohnhaus in Bagdad handelt, ist als „schwarze Komödie“ angelegt.

Betool Khedairi liest am 1. April um 19 Uhr im Berliner Haus der Kulturen der Welt aus ihrem ersten Roman „Der Himmel so nah!“.

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