Kultur : In mir wohnt ein Garten

Knackige Gemüse-Beats: Die Berliner Elektro-Musikerin Gudrun Gut und ihr Album „Wildlife“. Ein Treffen im Grünen.

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Ruhe finden. Gudrun Gut hat die Berliner Avantgardeszene seit den Achtzigern mitgeprägt. Jetzt verbringt sie viel Zeit auf dem Land. Foto: Mara von Kummer
Ruhe finden. Gudrun Gut hat die Berliner Avantgardeszene seit den Achtzigern mitgeprägt. Jetzt verbringt sie viel Zeit auf dem...

Nicht dass das hier jetzt kitschig wird. Gudrun Gut sitzt auf einer Bank im Tiergarten, die Sonne flackert durch die Baumwipfel hindurch, malt einige Flecken auf ihre Stirn. „Da drüben, ein Eichhörnchen“, sagt sie und verfolgt den Weg des rotbraunen Flitzers. „Ich bin viel zu selten im Tiergarten, dabei ist das so ein schöner Ort.“ Auch in der Uckermark, wo sie ein kleines Häuschen bewohnt, hält Gut sich mittlerweile gerne im Grünen auf. Sie hat die Natur entdeckt. Immerhin raucht sie noch Kette, trägt eine fette Sonnenbrille und ist dick geschminkt – Sorgen muss man sich nicht um Gudrun Gut machen.

Auch wenn ihr neues Album „Wildlife“ ganz im Zeichen des Rousseau’schen Diktums des „Zurück zur Natur“ steht, erzählt einem Gut nichts von heiler Welt auf dem Lande. „Stadtflucht kann man als Album-Thema sehen“, sagt die 52-Jährige, „aber da geht es eher darum, sich Freiräume zu schaffen.“ Gut hat sie gefunden, in der Nähe des Sternhagener Sees, wo sie auch Ferienwohnungen vermietet – für die Stadt- und Hauptstadtmüden. „Wildlife“ erzählt von jenen, die Zuflucht suchen. Von jenen, die wissen wollen wohin, wenn alles zu viel wird.

„Wildlife“ ist ein einigermaßen überraschendes Album. Zwar hat Gut auch in ihren bekanntesten Stücken („Kaltes, klares Wasser“) immer versucht, die Musik fast haptisch werden zu lassen, jetzt aber hört man organischere Sounds. Die Beats und elektronischen Klänge sind ein bisschen der Naturästhetik angepasst.

Seit den späten Siebzigern ist die in Celle aufgewachsene Künstlerin in der Berliner Musikszene aktiv. Mit Malaria! wurde sie Anfang der Achtziger bekannt, war Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten. Damals wirkte sie bei zahlreichen Berliner Szenebands mit, ehe sie sich in den Neunzigern Hörspielproduktionen und Radiosendungen („Ocean Club Radio“) widmete. Immer arbeitete sie mit anderen Künstlern zusammen, etwa mit Thomas Fehlmann (ehemals Palais Schaumburg). Ihr neues Album dagegen ist allein und in Heimarbeit entstanden. „Ich habe mich manchmal zwei Wochen am Stück in der Uckermark eingeigelt und nur an den Tracks gearbeitet“, sagt Gut. Nur die Nachproduktion hat sie dann dem Kölner Musiker und Produzenten Jörg Burger, einem frühen Vertreter des Minimal Techno, überlassen.

Mit den ersten beiden Songs, „Protecting My Wildlife“ und „Garten“, steckt Gut die Leitmotive bereits ab. Entsprechend lautet die erste Zeile der Platte „In den Himmel schauen“, und dann folgt der Hörer ihr, wie sie – ohne dabei peinlich zu werden – mit der Natur eins wird: „Baum sein“, das wäre schön, fällt ihr ein, während sie Gemüse hackt. Die Texte handeln vom Unentfremdeten, vom Naiven, vom Naheliegenden. Und dann reimt sich „Spiderweb“ auf „Internet“, die Textfetzen bleiben fragmentarisch in der Luft hängen. Zwischen Spinnennetz und Vernetzung befindet sich Gut aber auch auf ihrem Anwesen in der Uckermark: „Wir haben nun ein High-Speed- Funknetz – ich kann also auch auf dem Land genauso gut arbeiten wie in Berlin. So wird das Landleben heute auch eine richtige Alternative zum Stadtleben“, sagt Gut und zieht an der Zigarette.

Zwischen dem Gärtnern schickt sie Songentwürfe mit befreundeten Künstlern hin und her, kooperiert mit Musikern. Und singt dann von einem „Garten, der sich lohnt / weil er in mir wohnt“. Sie hat nicht nur die Natur, sie hat auch ein bisschen mehr zu sich gefunden wie sie sagt. Und weder mit solchen Aussagen noch mit der Musik betritt sie ausgelatschte Hippiepfade – dafür sorgt in „Garten“ etwa ein kühler Gesang, der sich über einen Yello-artigen Beat legt. Gudrun Gut hat auf „Wildlife“ viel gewagt: Es kann schnell danebengehen, wenn man Glückszustände in der Natur oder die neu gewonnene Freiheit besingt. Dank mäandernder Klänge und einer Vielzahl musikalischer und textlicher Brüche ist das nicht passiert. „Frei sein“ ist etwa ein in diesem Sinne gelungenes Stück – das Nölige im Gesang macht alles Affirmative zunichte: „Frei sein / wer will dabei sein“.

„Na, Ecken und Kanten mussten natürlich schon sein, das geht ja gar nicht anders“, sagt Gut. Für Ecken und Kanten sorgen dabei neben dem unterkühlten, unnahbaren Gesang auch die Songtexte, die bruchstückhaft sind. Zudem dürfen die Elektrosounds bisweilen unbequem sein. „Es muss unbedingt auch anstrengend bleiben“, sagt sie. „Manchmal würde ich gern ein total experimentelles Album machen“, sagt sie, „aber das langweilt mich dann auch wieder zu schnell.“

Produziert hat Gut die Sounds für das Album fast ausschließlich mit dem Musikprogramm „Ableton“ – eine Software, die viele Musiker benutzen. Live eingespielt hat sie nur wenige Instrumente. „Einmal hatte ich Besuch von ein paar Kids, da haben wir ein Glockenspiel aufgenommen, der Rest ist elektronisch“, sagt sie.

Nach gut dreißig Jahren in der Musikszene hat sich Gudrun Gut sicherlich nicht neu erfunden – aber entwickelt sie sich doch. Vielleicht auch deshalb, weil sie in so vielen unterschiedlichen Bereichen tätig war. Das Spoken Word-/Performance-Projekt Miasma mit der kanadischen Künstlerin Myra Davies etwa könnte eine Fortsetzung finden. Und mit Monika Enterprise betreibt Gut ja auch noch ein Label. Es hat seit 1997 über 60 Alben veröffentlicht – fast nur von Frauen, darunter Barbara Morgenstern, Masha Qrella oder Julia Holter.

Somit überrascht es nicht, dass Gut auf „Wildlife“ auch den Song einer Frau covert. Dass es aber ein Tina-Turner-Stück ist, hätte man dann doch nicht unbedingt erwartet. „Simply The Best“ hat bis auf dem Groove zu Beginn denn auch wenig mit der Originalversion gemein – radiotauglich ist kaum etwas daran. „Das war nie mein Lieblingslied oder so“, sagt sie, „aber ich fand den Text ganz schön und wollte das machen. Von mir hätten die Leute wohl eher irgendein nerdiges Coverstück erwartet oder – die Wiederentdeckung einer Perle – das war aber nicht meine Idee. Und Erwartungen wollte ich nicht erfüllen.“ Wer sich mit „Simply The Best“ angesprochen fühlen darf, will sie doch lieber offen lassen. „Aber man darf eine Person ruhig auch mal so hochleben lassen.“, sagt Gudrun Gut. Und wieder umkurvt sie den Kitsch auf elegante und selbstverständliche Weise.

„Wildlife“ ist bei Monika erschienen. Konzert: 31. Oktober, 22 Uhr Tresor

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