Kultur : In Neoland

Silke Hohmann

Die vertikal angeordneten Buchstaben der Leuchtreklame hinten rechts im Bild könnten tatsächlich „Neoland“ heißen, wie eine pleitegegangene Spielhölle, eine Jahrmarktbude oder ein zwielichtiger Videoverleih. Das Gemälde „Nexus“ (300 x 420 Zentimeter) gehört zu den zwölf neuen Arbeiten von Neo Rauch , die derzeit bei Eigen + Art in Leipzig ausgestellt sind (Spinnereistraße 7, Halle 5, bis 22. Dezember, Preise auf Anfrage) . Die Protagonisten seiner zumeist großformatigen neuen Werke sind die vertrauten, gebeugten und ergrimmten Figuren, die rätselhaften Verrichtungen nachgehen. Auch das Motiv halbfertiger oder bereits verfallener Bauten und Bühnen ist bekannt. Doch Rauchs Motivfundus hat sich erweitert: Neben Neonreklameschildern tauchen Graffiti und High-Tech-Kinderwagen auf. Die nostalgischen Gemälde bekommen damit etwas äußerst Gegenwärtiges; vermitteln ein ganz zeitgenössisches Gefühl von Stadt. Da kann es kein Zufall sein, dass man sich beim Spaziergang in Leipzig gelegentlich fühlt wie in einem dieser Neo-Rauch-Gemälde – an den vielen abgeblätterten, verlassenen und brüchigen Ecken und nun auch dort, wo es elektronisch blinkt.

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In Plagwitz etwa, im Treppenhaus der Merseburger Straße 25, wo in einem der oberen Stockwerke die Gruppe Holosweet ausstellt. Die lose Verbindung um den Düsseldorfer Akademiestudenten Jan Pleitner (www.holosweet.com ) hat zusammen mit jungen Künstlern der Leipziger und anderer Hochschulen den nutzlos gewordenen Raum nicht nur erobert, sondern regelrecht transformiert, geknetet, zerknautscht und wieder neu ausgebreitet. Die Großinstallation aus Skulpturen, Zeichnungen, Videos und Wandmalereien unter Teilnahme von rund zwanzig Künstlern wirkt nur auf den ersten Blick wie ein fernerVerwandter des Jonathan-Meese’schen Chaosraums. Wie behutsam die Teilnehmer auf die Arbeit der anderen eingegangen sind, und wie sehr hier dem gemeinschaftlichen Wachsen der Vorzug gegeben wurde gegenüber dem andernorts stattfindenden merkantilen Kopf-an-Kopf-Rennen, erschließt sich allerdings erst mit ein wenig archäologischem Interesse.

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Den nach wie vor enormen Appetit auf die Leipziger Schule stillt auch der Kurator und Inhaber des Ladens für Nichts , Uwe-Karsten Günther, allenfalls indirekt. Von seiner kleinen Galerie aus ist er vorübergehend ins gegenüberliegende Museum der bildenden Künste Leipzig gezogen ( Katharinenstraße 10, bis 5. November) . Mitgebracht hat er durchaus bekannte Namen – allerdings mit kleinen, überraschenden Formaten: Zwölf Künstler, darunter David Schnell , Martin Kobe und Matthias Weischer , bestückten jeweils das schuhkartongroße Architekturmodell einer virtuellen Galerie. Im Falle Weischers wird die Malerei in den Raum zurückgeführt: Plötzlich kleben ganz reale Kacheln und Tapetenreste an der Modellwand. Ein echtes Weischer-Bild ist es trotzdem. Wer hätte es für möglich gehalten, dass sich das patinabehaftete Neoland noch einmal in ein so spannendes urbanes Experimentierfeld verwandeln würde?

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