In neuer Übersetzung : Abenteuerromane von Robert Louis Stevenson

In beiden intensiven Romanen spielt das Doppelgängermotiv eine Rolle, und in beiden treiben prächtige Schurken ihr Unwesen. „St. Ives“ ist dabei gewiss der größere Wurf: Es ist ein hinreißender Roman.

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Unterwegs in der Südsee. Robert Louis Stevenson (1850-1894, ganz rechts) an Bord des Schoners „Casco“. Foto: picture-alliance / Mary Evans Picture Library
Unterwegs in der Südsee. Robert Louis Stevenson (1850-1894, ganz rechts) an Bord des Schoners „Casco“. Foto: picture-alliance /...Foto: picture-alliance / Mary Evans Pi

Die seltsame Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, aber noch mehr „Die Schatzinsel“ gehören zu jenen seltenen Büchern, die sowohl sehr junge Leser durch Spannung zu fesseln als auch erfahrene Leser mit ihrer Raffinesse zu faszinieren vermögen. Der Schotte Robert Louis Stevenson hat aber nicht nur – und was hieße hier „nur“ – diese düstere Doppelgängergeschichte und diesen Abenteuerroman mit prächtigem Schurken geschrieben, sondern etliche weitere Bücher. Zu diesen in Deutschland wenig bekannten Meisterwerken gehören „St. Ives“ und „Der Master von Ballantrae“.

In beiden Romanen spielt das Doppelgängermotiv eine Rolle, und in beiden treiben prächtige Schurken ihr Unwesen, wenn sie auch nicht den Rang von Long John Silver in der „Schatzinsel“ erreichen. Und in beiden Romanen gibt es unglaublich intensive Stellen, im „Master von Ballantrae“ etwa die Passage, in der eine Mordgeschichte erzählt wird, während der Erzähler und sein Zuhörer im Sturm auf einem Schiffsdeck auf- und abschaukeln. In „St. Ives“ der mörderische, mit Scherenblättern auf Stöcken ausgefochtene Zweikampf zwischen dem aristokratischen Titelhelden und einem primitiven Schläger.

Der „Master“ erschien erstmals als Fortsetzungsroman 1888/89 und wurde in einer wunderschönen Ausgabe von Melanie Walz neu übersetzt und herausgegeben. „St. Ives“ blieb unvollendet, wurde von dem mit Stevenson befreundeten Autor Arthur Quiller-Couch fertiggestellt und erschien nach Stevensons Tod im Dezember 1894 in den Jahren 1896/97 als Fortsetzungsroman. Die von Quiller-Couch stammenden, an Entwürfen Stevensons orientierten letzten hundertzwanzig Seiten halten tapfer das Niveau, bringen es aber nirgends zu den typisch Stevenson’schen Momenten atemberaubender Gedrängtheit.

„St. Ives“ ist gewiss der größere Wurf: ein hinreißender Roman, der insofern einen besonderen Touch hat, als der Edinburgher Stevenson ihn aus der Ich-Perspektive eines in Edinburgh festgehaltenen französischen Kriegsgefangenen erzählt. Aber Literatur ist keine Leichtathletik, und man kann den „Master“ mindestens so sehr bewundern. Stevenson war besessen vom Vexierspiel der Identität, und durch diesen Dreh konnte er einen fiktiven Spiegelblick auf die eigene Persönlichkeit werfen.

Stevenson wirkte auf manche seiner Zeitgenossen unergründlich, auf andere so heilig aufrichtig, dass es gar nichts zu ergründen gab, und auf wieder andere dubios. Der spanische Schriftsteller Javier Marías drückt das in einem seiner „Ironischen Halbporträts“ so aus: „Stevenson war eine überaus schillernde Gestalt, als hätte er entweder keinen ausgeprägten Charakter besessen oder als wäre dieser in sich so widersprüchlich wie der seiner Figuren gewesen.“

Im „Master“ führt diese existenzielle Flexibilität literarisch zu den Berichten verschiedener am Geschehen beteiligter Figuren, aus denen Stevenson den Roman zusammensetzt. Keiner dieser Berichte ist ganz zuverlässig, und das Spiel mit ihren unterschiedlichen Tonlagen verschafft ein ästhetisches Vergnügen unabhängig von der Story.

Deren Rückgrat ist ein Bruderzwist, in dem sich das Gute und das Böse im Kampf dermaßen verkrallen, dass das eine vom anderen immer ununterscheidbarer wird.

Im Vergleich dazu ist „St. Ives“ in einer Hallodri-Stimmung geschrieben, nicht in der des Verfassers, sondern in der des gut erfundenen Helden. Die luftige Liebesgeschichte, die grimmige Schwiegermutter in spe und der schurkische Cousin, den ein verärgerter Erbonkel vom reichen Verschwender zum armen Halunken macht, sorgen in der Schilderung aus der Perspektive des sympathischen Angebers St. Ives für beste Laune auch in schlimmster Gefahr.

Das alles macht die Lektüre zu einer Verjüngungskur. Um es mit einem Zitat aus dem Nachwort von Andreas Nohl zu sagen: „In Stevensons Romanen taucht der Leser in eine unvergleichliche Atmosphäre der Frische und Klarheit ein, alles ist von einer durchdringenden Intensität und wie zum ersten Mal empfunden. Es gehört zum Vorrecht der Jugend, die Welt auf so neue, unverbrauchte Weise zu erfahren.“ Aber erlesen kann sie auch jeder Ältere.

Robert Louis Stevenson: St. Ives. Roman. Hrsg. und übersetzt von Andreas Nohl. Hanser Verlag, München 2011. 517 Seiten, 27,90 €. Der Master von Ballantrae. Eine Wintergeschichte. Hrsg. und übersetzt von Melanie Walz. Mare Verlag, Hamburg 2010. 348 Seiten, 29,90 €.

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