Kultur : In Oranien

Malerei von Marcus Weber in der Galerie Kai Hoelzner.

Tomasz Kurianowicz
Blaue Katzen, Kopfdreiecke. Der „G Park“ in Kreuzberg aus Webers Sicht. Foto: Hoelzner
Blaue Katzen, Kopfdreiecke. Der „G Park“ in Kreuzberg aus Webers Sicht. Foto: Hoelzner

Ja, das ist Kreuzberg! Der Berliner Maler Marcus Weber, Jahrgang 1965, setzt sich in seinen neuesten Werken mit dem Berliner Szenekiez auseinander, pinselt aber keine realistischen oder soziokulturellen Studien auf die Leinwand, sondern psychedelische und immens kreative Panoptiken. Man muss allerdings aufpassen: Nicht alles in der Galerie Kai Hoelzner ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Man nehme den Oranienplatz auf Webers Gemälde „O Platz 14 11“. Erst wirkt die Umgebung noch ziemlich skurril und abgefahren: Die Menschen tragen Zylinderköpfe, die Natur ist grell konturiert und der Mann mit dem Rollator hat keine Nase, dafür einen dichten, schwarzen Schnurrbart. Ist das wildes, urbanes Chaos? Nicht ganz! Denn wenn man diesen comicartigen, bunt verzahnten Bildern (Preise: 3000–10 000 Euro) etwas Zeit gibt, offenbaren sich enervierende Zusammenhänge. Man spürt die Komposition, ja das versteckte Kalkül, das sich aus nächster Nähe aufdrängt.

Der Strom der Zeit erweist sich als Struktur gebend. Die Flächen haben Zacken, sind in Karomuster oder Spiralformen aufgeteilt und bilden eine Art Ordnung in der Unordnung. Rechts am Rand ist eine Litfaßsäule abgebildet, auf der ein Ernst-Ludwig-Kirchner-Plakat zu sehen ist, das den Titel einer Ausstellung aus der Neuen Nationalgalerie trägt: „Moderne Zeiten“. Ein Hinweis auf das Altern der Moderne? Vielleicht. Dazwischen tummeln sich Jogger, Türken, Hundebesitzer und nicht identifizierbare Wesen.

Aber keine Angst: Bei den Kreuzberger Gestalten handelt es sich nicht um Opfer einer plumpen Gentrifizierungs-Kritik. Es geht vielmehr um die Suche nach der verlorenen Zeit, um die Möglichkeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in malerisch-wuchtiger Einheit zu verbinden. Alles schwimmt auf diesen Bildern im Uhrzeigersinn auseinander, alles scheint vielsagend zu bersten und zu vibrieren und sich einer genauen Bestimmung zu widersetzen. Zeit wird hier nicht nostalgisch verunglimpft, sondern malerisch dekonstruiert.

Die grellen Farben mögen auf den ersten Blick irritieren. Aber ist nicht auch ein Traum eine zutiefst verstörende Erfahrung – und trotzdem ungeheuer wahr? Was ist schon Wirklichkeit im Vergleich zu Grenzen sprengender Kunst!? Diese Einsicht scheint Weber, der bis 1992 an der Düsseldorfer Kunstakademie studierte, vermitteln zu wollen. Man kann sich dem nur anschließen und als Belohnung eine Welt entdecken, in der alles bekannt und doch fremd und andersartig erscheint. Auch das Bild „G Park“ könnte den Görlitzer Park darstellen, wenn nicht die Frauen auf der Bank anstelle von Kopftüchern dreieckige Kästen tragen würden. Man muss schon tief in die eigene Seele schauen, um diese Mischung aus skurrilen Formen und grellen Farben zu verstehen. Die Frauen auf der Bank wirken ähnlich verfremdet wie die Schmetterlinge, die überlebensgroß im Bild herumflirren und sich keck in den Vordergrund drängen. Jetzt fehlt nur noch, dass dieses rechts auf einem Ast verharrende Eichhörnchen die breitbeinige, blau bemalte Katze befällt. Ja, auch Humor hat diese Kunst. Großartig! Tomasz Kurianowicz

Galerie Kai Hoelzner, Adalbertstr. 96; bis 21.7., Mi–Sa 15–19 Uhr

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