Kultur : In Orwells Ohr

Verbrechen und Vernunft: Robert B. Laughlin sorgt sich um die Freiheit der Forschung

Gregor Dotzauer

Achtung, ruft hier einer: „Wenn wir akzeptieren, dass manches Wissen zu wichtig ist, als dass gewöhnliche Menschen darüber verfügen dürften, stehen wir nicht mehr an der Grenze zu Orwells Welt, sondern sind schon mitten darin.“ Jetzt mal halblang, sagt derselbe, es lässt sich ja gar nicht verhindern, dass an allen Ecken und Enden lebensgefährliche Informationen im Umlauf sind. Zumindest „biologische Bedrohungen unterscheiden sich grundsätzlich von potenziell geheimhaltungsfähigen Gefahren ingenieurtechnischer Art. So leben die wichtigsten Krankheitserreger schon seit Millionen von Jahren mit dem Menschen zusammen. Wissenschaftler können diese Erreger verändern, so dass sie noch gefährlicher werden, aber man kann sich kaum vorstellen, was denn gewonnen wäre, wenn man Schrecklicheres als Ebola, Pest oder Cholera erzeugte.“

Kinder, mahnt dieser Robert B. Laughlin wiederum, der 1998 einen Nobelpreis für Physik gewonnen hat, sofern mit dem Segen der US-Regierung und der Patentämter naturwissenschaftliches und technisches Wissen weiterhin in privatwirtschaftliche Hände gerät, gibt es bald „keine andere Jobnische mehr für denkende Menschen mit bescheidenen finanziellen Mitteln als das Verbrechen“. Man dürfe sich auch nicht wundern, wenn junge Menschen eines Tages von der Erde Abschied nähmen und sich auf anderen Planeten einrichteten. Oder, fragt er, seid ihr an der Ökonomisierung selber schuld, weil ihr im „Präzedenzfall Nukleartechnologie“ stillschweigend beschlossen habt, das damit verbundene Wissen für entbehrlich zu halten, da es so beängstigende Dimensionen hat?

Laughlins Essay „Das Verbrechen der Vernunft“ kämpft gegen einen „Betrug an der Wissensgesellschaft“ und lebt doch von einer widersprüchlichen, sehr amerikanischen Mischung aus Warnung und Entwarnung, kulturkritischer Untergangsklage im Angesicht überbordender Zerstreuung und unerschütterlicher Zuversicht in die entlastenden Funktionen medialen Wegwerfwissens. Spaß – und Spam! – muss sein, sagt Laughlin: „Eine von Intellektuellen beherrschte Welt wäre eine grausige Vorstellung.“ Wo man hinblättert – eine Polemik mit Mundschutz. Und nicht nur einmal rätselt man: Was will der Mann nun eigentlich?

Er will vor allem von allem zu viel – und vermischt dabei rechtliche, ethische und erkenntnistheoretische Fragen. Sein Buch ist ein Ritt quer durch den technologischen Gemüsegarten bis hoch zum Mond. Biologische Kriegsführung, Datenverschlüsselung, Chaostheorie, Atomenergie und Klonproblematik: Alles wird in eigenen Kapiteln diskutiert, um die an sich unschuldige Vernunft vor einem Verbrechen in Schutz zu nehmen, das Parlamente mit Gesetzen in Schach halten, die „die Weitergabe von Wissen kriminalisieren, weil dies leichter ist, als das daraus resultierende Verhalten zu kriminalisieren“. Laughlin diagnostiziert eine juristische Krise, die 1954 mit dem Atomic Energy Act begann, mit dem Digital Millennium Copyright Act einen Höhepunkt erreichte und immer wieder Absurditäten hervorbringt. Zunächst, wirft er etwa dem Obersten Gerichtshof vor, sei entschieden worden, „dass Naturgesetze nicht patentiert werden können. Und dann traf er die Entscheidung, dass Gensequenzen patentfähig sind“.

Laughlin erblickt in dieser Krise den Ausdruck eines Wertekonflikts, nach dem erstens „der universelle Zugang zu Wissen fundamental unvereinbar mit der Marktwirtschaft ist“ und zweitens nur die Wenigsten erkennen, „wie heftig Belange der nationalen Sicherheit mit den Bildungszielen der Universität in Konflikt geraten können“. Seine eigenen Widersprüche liegen also zum Teil in der Natur der Sache: Es wäre dumm, sich einfach auf eine Seite zu schlagen. Zugleich scheint er, hemdsärmelig, wie er argumentiert, manchmal gar nicht zu ahnen, in welch anarchistischen Gefilden er sich bewegt.

Er ist aber auch weder Philosoph noch Politiker, sondern ein erfahrener Praktiker, der sich mit Recht um die Freiheit der Forschung sorgt. Als solcher hat er ein material- und anekdotenreiches, anregendes, unterhaltsames, ja witziges Buch geschrieben, das gerade ein Publikum außerhalb der scientific community darüber aufklärt, was längst auch in Europa stattfindet. Man muss deshalb ja nicht gleich wie Laughlin das schrankenlose Kopieren von Musik, Filmen und Software als „ zivilen Ungehorsam“ interpretieren. Algorithmen kann man zwar so wenig patentieren wie Buchstaben. Aber dürfte man dann nicht auch „Das Verbrechen der Vernunft“ sofort als Raubkopie verbreiten?

Robert B. Laughlin: Das Verbrechen der Vernunft. Betrug an der Wissensgesellschaft. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Edition Unseld, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008. 160 S., 10 €. – Laughlin hält heute um 20. 15 Uhr an der Universität Tübingen die erste Unseld Lecture.

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