Kultur : In Parallelwelten

Peter Herbstreuth

fragt sich, wann die Blase platzt Der Boom der Malerei macht noch immer Millionäre und setzt Mixturen aus Gerüchten und Wahrheiten in die Welt. Momentan wird gerade geflüstert, dass sich die New Yorker Galeristin Mary Boone für einen Besuch angekündigt hat. Spannung herrscht seitdem in Zimmer-, Linien-, Brunnen-, Holzmarkt- und überhaupt allen Quer- und Nebenstraßen des ausgeuferten Galerien-Ballungsgebietes von Berlin-Mitte. Die Königsmacherin der Kunst, die Julian Schnabel und Peter Halley zu Giganten und die deutsche Malerei der achtziger Jahre zu einem Nebel aus funkelnden Sternen verzauberte, geht erneut auf die Pirsch. Schon spekulieren manche, dass der internationale Erfolg Berliner Provenienz einen weiteren Höhepunkt erreichen wird. Dazu passt eine Reportage der jüngsten Los Angeles Times, in der einmal mehr wiederholt wird, dass sich in Berlin die lebendigste Galerien-Szene für zeitgenössische Kunst in Europa entwickelt habe. Der Galerist Jan Wentrup gibt sich mit „Painting Berlin“ gerüstet (Chorinerstraße 3; bis 22. September). Er zeigt „fünf exemplarische Positionen der Malerei in Berlin“. Sie zeichnet sich vor allem durch friedliche Koexistenz von parallelen Welten aus. Seine Schau sucht die These zu bestätigen, die beste Malerei sei jene, die sich der Beschreibung entzieht. Das trifft zumindest auf die Gemälde der 1966 geborenen Eva Seufert zu, deren ebenso stille wie farbintensive Tableaus den Fängen des Benennens entgehen. Man sieht Tupfer, die verfließen, oder Punkte, die an den Rändern verglühen, und spürt die klirrende Temperatur der Farben ins Weiß, ins Rot, ins Blau. Alles Metamorphose: Hat man eine Figur benannt, ist sie schon verwandelt. Umgekehrt versucht Kim Nekarda durch Überkodierung von dramatischen Szenen ins Unbenennbare zu fliehen und Franziska Hufnage l mit Homunkuli und Höhlenkreaturen einem die Sprache zu verschlagen. Der 1967 geborene Marten Frerich ordnet Räume popkulturell ins Chaos. Der einzige Begeisterungskiller läge in dem Gedanken: „Das sieht ja aus wie ...!“ Doch zu jedem Boom gehört eine große Vergesslichkeit (Preise zwischen 750 Euro bis 5000 Euro).

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In der Galerie Andreas Wendt wird von dem 1973 geborenen Marc Gröszer in eine ähnliche Richtung gedacht (Zehdenickerstraße 13, bis 17. September). Seine Skepsis gegenüber aktuellen Festschreibungen wie routinierter Romantik erzeugt bei ihm die Flucht in Archaismen mit Anklängen an Höhlenmalerei und brutalistische Handzeichnungen von behaarten Körpern. Das Nackte, um den Kodierungen zu entfliehen, und das Grobe, um den Standards des Modischen zu entgehen. So bemerkenswert das ist, die Testfragen heißen in seinem Falle: Ist es böse genug? Hinterlässt es einen Stachel (Preise bis 2000 Euro)?

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