Kultur : In Plüschgewittern

Eine Fotoinstallation setzt der Retro-Künstlerin Laura Kikauka ein Denkmal

Bodo Mrozek

An manchen Orten scheint die Zeit schneller zu vergehen als anderswo. Die Veränderungen sind radikaler, und wer eine Zeit lang nicht dort war, hat Mühe sich zu orientieren, weil das Gewohnte verschwunden und bereits Neues entstanden ist. Nirgends gilt dies so sehr wie im Ostteil der Stadt. Hier überlagerten im vergangenen Jahrzehnt strahlende Fassaden, schicke Schaufenster und spiegelnde Bartresen wie eine glänzende Oberfläche die älteren Schichten der Berliner Geschichte. Der Kollwitzplatz ist zum Symbol dieser Beschleunigung geworden. Wer aber dieser Tage dort vorübergeht, dem leuchtet zwischen dem dezent getünchten Putz des akkurat sanierten Altbaus unvermittelt ein grellbuntes Szenario entgegen, vor dem man unwillkürlich stehen bleibt.

Auf den ersten Blick wirkt die aus einem verglasten Leuchtkasten strahlende Fotoarbeit wie ein illuminiertes Kinderparadies oder ein seltsames Wunderland. Sieht man genauer hin, so ist es eine Art Lampenladen der besonderen Art. In allen Farben des Regenbogens strahlen Glühbirnen unter Lampenschirmen, die auf Wurstgläser montiert sind. Fransenbesetzte Nachttischleuchten und blinkende Diskokugeln finden sich einträchtig neben Plastikfiguren und einer Packung Damenbinden. Das Arrangement ist eine Arbeit der kanadischen Künstlerin Laura Kikauka, die mit ihren ironischen Collagen aus Konsumgütern vergangener Epochen mittlerweile weit über ihre Wahlheimat Berlin hinaus bekannt ist. Der mannshohe Siebdruck ist aber nicht nur ein Abbild von Kikaukas Kunst, sondern eine eigenständige Fotoarbeit der amerikanischen Fotografin Constance Hanna. Für die stimmungsvolle Ausleuchtung waren mehrere Belichtungen desselben Mittelformat-Negativs nötig. Hanna verwandte dazu eine Kamera, die Architekturfotografen für Außenaufnahmen schätzen. Um das lebendige, bewegt wirkende Licht zu erzielen, hat sie einzelne Partien mit einer Lampe „gewischt“ und wieder andere mit Schatten abgewedelt.

Die Kunstvitrine an der Kollwitzstraße ist eine Initiative der Kuratorin Pat Binder, die damit bereits seit 1997 an den Ort des Wohnhauses der Berliner Künstlerin Käthe Kollwitz erinnert und als „Denkzeichen“ schon Werke von Urs Jaeggi, Santu Mofokeng oder Via Lewandowsky zeigte. Die Arbeit von Kikauka/Hanna entstand in der „Funny Farm East" am Hackeschen Markt, wo Kikauka eine Art bewohntes Kunstwerk gestaltet hat. Das Foto erinnert an jene vergehende Zeit der Nischenkunst, in der Kikaukas Collagen so etwas wie die Tapete der Clubs und improvisierten Hinterhofgalerien der werdenden Mitte Berlins bildeten.

Zwar kann man Kikaukas Installationen immer noch im Nachtleben antreffen (wie etwa in der Bar des Fastfood-Clubs „White Trash“ oder demnächst im Kreuzberger Eiszeit-Kino). Ebenso oft findet man ihre Werke nun aber auch in den großen Museen, wie dem Hannoveraner Sprengel Museum. Zuletzt würdigte sie das Wiener Museum für angewandte Kunst (MAK) mit einer Einzelausstellung, in deren Zentrum ebenfalls die „Funny Farm“ stand. Der Slogan zu der Nachttischlampen-Serie lautete übrigens „It could be Wurst“ und lässt sich getrost als Auseinandersetzung mit überkommenen „deutschen“ Gewohnheiten verstehen. Das Vergängliche ist ein bestimmendes Merkmal der hintersinnigen und ironischen Collagen Kikaukas. Und so wird der Leuchtkasten zum Zeitfenster in eine tiefere, verborgene Schicht einer Berliner Kultur, die gerade am Kollwitzplatz nur noch selten durchscheint.

Laura Kikauka/Constance Hanna: „The future will be brighter tomorrow". Leuchtkastenprojekt von Pat Binder bis 12.5. in der Kollwitz-/Ecke Knaackstraße. Eine limitierte Siebdruck-Auflage kann erworben werden, Preis auf Anfrage. E-mail: info@pat-binder.de .

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