Kultur : In Ralph Ellisons Frühwerk haben Schwarze sehr viel Bewusstsein

Iris Alanyali

Irgend etwas stimmt nicht mit den Niggern, die Ralph Ellisons Geschichten bevölkern - ja, "Niggern", der Autor bestand auf dem Ausdruck. Da steht einer von ihnen mitten auf dem Marktplatz, auf einem Podest, damit ihn die Leute besser brennen sehen. Seine Hosen haben Feuer gefangen, "seine großen weißen Augen" scheinen aus dem Kopf "herauszuspringen", der Leser ekelt sich und ist so fasziniert wie der weiße Junge, mit dessen Augen er die Szene betrachtet. Und dann fleht der Brennende plötzlich: "Kann mir bitte jemand die Kehle durchschneiden, wie es sich für einen guten Christen gehört?" In einer anderen Erzählung von "Flying Home", dem Buch, in dem das Frühwerk des 1994 gestorbenen farbigen Autors zum Teil erstmals veröffentlicht ist, spielen zwei schwarze Jungen im Wald Indianer. Daß "der alte Doc" sie vor wenigen Tagen beschnitten hat, sorgt für eine gewisse Tragikomik: "Wir sind nur zwei arme skalpierte Indianer", johlen sie und haben soviel Spaß wie der Leser. Da aber trifft der eine Indianer auf eine nackte Frau - und faselt plötzlich von ihrem "blühenden Frauenleib", dem "sanften Wiegen ihrer Brüste" und "anmutigen Schwung ihres Rückens".

Es ist fatal: Schöne Geschichten versammelt der Band, voller atmosphärischer Dichte. Und dann machen eben noch kraftstrotzende Menschen den Mund auf und werden angefüllt mit der Redegewandtheit eines reflektierenden Beobachters. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Ralph Ellison zu jenen Autoren gehört, deren große Bedeutung Literaturrezensionen in einem ihrer vorderen Absätze zu betonen bestrebt sind. Dann wird auf "Der unsichtbare Mann" von 1952 hingewiesen, den einzigen Roman, den der Kafka- und Dostojewski-Verehrer Ellison zu Lebzeiten veröffentlichte, für den er als erster Schwarzer den "National Book Award" bekam. Obwohl der unsichtbare Mann ein spannungsreiches Leben führt, bis er resigniert feststellt, daß die Weißen ihn einfach nicht als vollwertigen Menschen zur Kenntnis nehmen, ist dieser Roman geprägt von der Reflexion über Identitäts-Probleme.



In "Flying Home" tritt dieses Element noch deutlicher zu Tage. Der Autor billigt seinen farbigen Protagonisten zuviel Bewußtsein zu. Kleine Jungs, die mit der Mama Zug fahren und gerade noch Kühe beobachteten, ahnen, "ohne zu verstehen", etwas vom Leid ihres Volkes. Der Vorwurf relativiert sich, wenn man den Geschichten zugute hält, daß die meisten in den vierziger Jahren entstanden, in einem politischen Klima, das wenig geeignet war, die persönliche Empörung des Autors zu mildern. In den 60er Jahren dagegen war Ellison, der schwarzen Partikularismus ablehnte, für die farbige Bürgerrechtsbewegung ein "Onkel Tom" - ein anpassungswilliger Verräter in den eigenen Reihen. Dabei ist es am eindrucksvollsten, wenn nicht der Zeigefinger des Aktivisten abgrenzende Vorurteile signalisiert, sondern naive Durchschnittsbürger sie ausplappern. Wie in einer der schönsten Erzählungen von "Flying Home" das alte Ehepaar, das mit dem farbigen Mitreisenden generös den Proviant teilt und interessiert von seinem Musikstudium hört: "Das ist schön. Die Neger haben die Musik im Blut. Wir wünschen Ihnen alles Gute, nicht wahr, Mutter?"Ralph Ellison: Flying Home und andere Geschichten. Herausgegeben von John F. Callahan. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Ammann Verlag, Zürich 1999. 216 S. , 39,80 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben