Kultur : In Reih und Glied

Neues Bauen in Berlin: In Biesdorf-Süd gelingt es nur schwer, eine Reihenhausanlage zu beleben

Matthias Grünzig

Kaum eine Bauaufgabe ist so zukunftsträchtig und zugleich so umstritten wie der Reihenhausbau. Denn so ungebrochen die Nachfrage nach dem Eigenheim mit Garten ist, so groß ist auch der Chor seiner Kritiker. Für die Architekten von Reihenhäusern ist dies eine Herausforderung: Sie sind aufgefordert, Wohnanlagen zu schaffen, die soziale und ökologische Ansprüche miteinander verbinden, die familienfreundlich sind und gleichzeitig gute Einkaufsmöglichkeiten und Verkehrsanbindungen bieten. Gerade Berlin ist für solche Lösungen prädestiniert. Schließlich kann die Stadt auf eine lange Tradition hervorragender Reihenhausanlagen verweisen, die mit Namen wie Bruno Taut, Peter Behrens, Otto Rudolf Salvisberg oder auch Paul Schmitthenner verbunden sind.

Dieser Herausforderung stellt sich die Reihenhausanlage Schillerfalterstraße im Entwicklungsgebiet Biesdorf-Süd, die der „Bouwfonds Deutschland“ zusammen mit dem Berliner Architekten Gernot Nalbach verwirklicht hat. Der Bauherr Bouwfonds brachte für dieses Vorhaben reiche Erfahrungen mit, denn der größte niederländische Bauträger hat bereits zahllose kostengünstige Eigenheimprojekte verwirklicht.

Mit den zwanzig Reihenhäusern in Biesdorf-Süd ist ihm jetzt erneut ein überzeugendes Projekt gelungen. Schon ihre Lage ist ein Glücksfall: Der U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz ist zu Fuß erreichbar, eine Kindertagesstätte liegt fast nebenan, das nahe gelegene Einkaufszentrum ist im Bau, und die neue Parkanlage Schmetterlingswiesen lädt zum Spielen und Spazierengehen ein.

Ebenso überzeugend wie die Lage ist das Konzept der Häuser. An seinem Anfang stand die Forderung nach kostensparenden Häusern, deren Preis 350000 Mark nicht überschreiten sollte. Ein Teil der Kostensenkungen wurde durch eine konsequente Normung der Gebäude erreicht, die den Einsatz vorgefertigter Bauteile möglich machte.

Deshalb basiert die Wohnanlage auf zwei Haustypen, von denen wiederum die Varianten „Vlinder“, „Pauwenoog“ und „Koolwitje“ abgeleitet wurden. Weitere Sparpotenziale konnten durch effizienten Umgang mit dem Bauland erschlossen werden. Die Nutzflächen von 123 bis 130 Quadratmetern wurden in drei Etagen übereinandergestapelt, so dass die bebaute Fläche auf gut 40 Quadratmeter begrenzt werden konnte. Die Gebäudetiefen von zehn Metern verringern ebenfalls den Grundstücksverbrauch, und auch die Flachdächer, die eine maximale Ausnutzung des Dachgeschosses ermöglichen, folgen der Philosophie des Flächensparens.

Das Thema Kostensenkung wurde bei der Fassadengestaltung fortgesetzt, die möglichst kostengünstig und zugleich qualitätvoll ausgeführt werden musste. Bei den Häusern „Koolwitje“ und „Pauwenoog“ gelang dies vor allem durch den Einsatz von Farbe. Rosafarbene und weiße Wandflächen, durch Vor- und Rücksprünge gegliedert, sorgen zusammen mit kleinen Vorgärten für ein abwechslungsreiches Bild. Das Haus „Vlinder“ besticht dagegen durch die Abfolge von weißen und holzverkleideten Wandflächen.

Dass Sparsamkeit und Großzügigkeit kein Gegensatz sein müssen, beweisen die Innenräume. In den Wohnzimmern sorgen raumhohe Fenster für eine lichte Atmosphäre, und auch die Dachterrassen, die der Haustyp „Pauwenoog“ bietet, geben sich weitläufig. Und alle Häuser machen mit 171 bis 217 Quadratmeter großen Gärten den Aufenthalt in der Natur möglich. Der vielleicht größte Vorteil der Innenräume ist jedoch ihre Flexibilität, die im Reihenhausbau nur selten zu finden ist. Herausnehmbare Wände stellen es den Bewohnern frei, die Grundrisse nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. In einigen Häusern werden Grundrissvarianten mit ein oder zwei Kinderzimmern angeboten, während in anderen Gebäuden das Erdgeschoss als Gewerbeeinheit, als Büro oder als Einliegerwohnung für generationenübergreifendes Wohnen genutzt werden kann. In die Erdgeschosse der meisten Häuser wurde zudem Garagen integriert. Insgesamt aber gelang mit den Reihenhäuser, die ab 168000 Euro kosten, eine überzeugende Verbindung von Sparsamkeit und Qualität.

Dennoch hat das Projekt auch seine Schattenseiten. Ein Problem war der Masterplan des Berliner Stadtplaners Bernd Albers, der für das gesamte Entwicklungsgebiet Biesdorf-Süd gilt und dem auch die Bouwfonds- Häuser folgen mussten. Dieser Plan erwies sich in der Praxis jedoch als äußerst unflexibel, und erst nach großen Schwierigkeiten konnte eine befriedigende Anordnung der Häuser in vier Hauszeilen erreicht werden. Dennoch bieten die schnurgeraden Straßen in Biesdorf-Süd, die auf besagten Plan zurückgehen, ein Bild der Monotonie. Die vielfältigen, raffinierten Straßen- und Platzräume, wie in Siedlungen von Bruno Taut, sucht man hier vergebens.

Ein weiterer Missstand in Biesdorf-Süd ist das Fehlen einer Schule, auf die eine familienfreundliche Wohnanlage besonders angewiesen ist. Ihr Bau ist bis heute unsicher, obwohl die Bauherren dem Land Berlin bereits einen Finanzierungsbeitrag für die Schule gezahlt haben.

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