• "In Sachen Signora Brunetti": Dr. Softie muss leiden - Donna Leon stürzt ihren Commissario in eine Ehekrise

Kultur : "In Sachen Signora Brunetti": Dr. Softie muss leiden - Donna Leon stürzt ihren Commissario in eine Ehekrise

Inge Zenker-Baltes

"Wir haben Ihre Frau", schnarrt ein nächtlicher Anrufer in Commissario Brunettis Telefon. Der Polizist erbleicht und denkt sofort an eine Entführung. Doch die Sache liegt ganz anders, und kurze Zeit später kann Dottore Brunetti seine Paola unversehrt nach Hause holen. Damit ist der Fall jedoch keineswegs beendet, geschweige denn gelöst. Denn die gebildete Signora ist ganz offensichtlich zur Gewalttäterin geworden. Die Steine, mit denen sie in blinder Wut und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte die Schaufenster eines Reisebüros zerdeppert hat, hindern dessen Besitzer nicht, auch weiterhin Sexreisen in asiatische Länder zu offerieren - bis ein Mord dem ein Ende setzt.

Die blaublütige Professora Brunetti darf sich in Donna Leons jüngstem Band endlich einmal so richtig entfalten und ihre angestaute Empörung austoben, der zum "immerwährenden Einschnitt in ihrem Leben" wird und in eine schwere Ehekrise ausartet. Guido Brunetti aber wäre nicht der hinreißende, warmherzige und doch so virile Softie, wenn er nicht zumindest versuchte, seiner von Gerechtigkeitsfanatismus zerquälten Gattin Respekt zu zollen - obgleich er ihre Vorstellungen von moralischen Pflichten und Rechten nicht bis ins Letzte teilt. Dennoch munden ihm ihre mit Geschick zubereiteten und blumig geschilderten Mahlzeiten weiterhin aufs Köstlichste. Dass er als Polizist Gefahr läuft, das Gesetz über die Gerechtigkeit zu stellen, scheint zwar berufsimmanent zu sein, kann aber von Paola nicht hingenommen werden.

So schwankt die Beziehung der beiden zwischen Waffenstillständen, Liebesattacken und wechselseitigen Wutanfällen, womit einmal mehr die unterschiedliche, aber nicht unvereinbare Sicht der Dinge bei Männern und Frauen bewiesen wird - sehr zum Vergnügen des Lesers. Der kommt auch sonst auf seine Kosten - bei der Psychopathologie von Brunettis Verhörmethodenoder bei Seitenhieben auf die italienische Regierung. Auch Paolas scharfe analytische Statements über Gäste einer Party oder knisternde Szenen zwischen Brunetti und der merkwürdig unterkühlten, doch mit weiblichen Reizen nicht geizenden Signorina Elettra sind ein Genuß. Und wie immer treibt der Vice-Questore Patta, Brunettis Vorgesetzter, seine mit beißendem Zynismus geschilderten Ränkespielchen.

Selbst wenn zunächst nicht viel geschieht, ist die Story von Anfang an fesselnd. Mächtig in Fahrt kommt die Handlung, als dem makabren Mord am Besitzer des Reiseladens weitere folgen und der eigentlich vom Dienst suspendierte Brunetti doch noch die Ermittlungen führt.

Ein aufrechter Pizzabäcker trotzt zunächst der Mafia, verstummt jedoch eingeschüchtert nach einem tödlichen Unfall. Die heiße Spur, der Brunetti und seine Mannen folgen, führt über die Sexreisen-Morde in einen Sumpf von Bestechung, Prostitution und Tod, wo nur Absprachen unter Männern von Bedeutung sind und Gewalt gegen Frauen als Kavaliersdelikt gilt.

Bösewichter und Lichtgestalten

Wie gewohnt strotzt Donna Leons achter Venedig-Krimi vor Situationskomik und quillt über von Gerüchen, Gefühlen, Herzens- und Geistesbildung - auch vom Zauber dieser Stadt. Bösewichter und Lichtgestalten bevölkern die Szene und halten den Leser bei der Stange. Dass alles nicht makellos glücklich ausgeht, versteht sich von selbst. Doch wo würde diese Gesellschaft enden, wenn auch noch die Institution Familie im Sündenbabel Venedig unterginge? Nein, die Brunettis müssen weiterleben, -lieben und -kochen. Das sind sie uns schuldig.

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