Kultur : "In the Mood for Love": Das Meisterspiel

Simone Mahrenholz

Wie fängt dieser Film eigentlich an? So wie ein Leben anfängt: Man erinnert sich nicht. Man hat eine Fülle betäubender Bilder im Kopf, überdimensioniert, intensiv und in Zeitlupe wie die Eindrücke aus der Kindheit. Bilder von einer jungen Frau: elegant, melancholisch, immer um eine Ecke verschwindend, rauchend, von abwesender Zärtlichkeit. Und Bilder von einem jungen Mann mit ölig glänzendem Haar, der sie manchmal streift mit einem Blick oder mit einer Hand, abwartet, den Kopf dreht, hinter der Mauer verschwindet. Maggie Cheung und Tony Leung, zwei Superstars des Hongkong-Kinos, sind in diesem Film wie Abbilder jener mythischen, faszinierend eleganten und für ewig fremden Elternfiguren aus den sechziger Jahren: sich verfallend und verfehlend und später trotz größter Nähe nie mehr wirklich begegnend.

Hongkong, 1962. Hier spielt die Geschichte um eine Frau und einen Mann, die ein Ehebruch zusammenführt. Nicht ihr eigener. Im Stadtteil der so genannten Shanghai-Community leben sie in Untermietzimmern - Flüchtlinge, die nach der Einnahme Shanghais durch kommunistische Truppen in der britischen Kronkolonie strandeten. Man kultiviert hier die eigene Sprache, die eigene Küche, die Musik und die übliche soziale Kontrolle. Frau Chan (Maggie Cheung) und Herr Chow (Tony Leung Chiu-wai) begegnen sich allabendlich im Treppenhaus oder auf den spärlich beleuchteten Gassen. Sie sind auf dem Weg von der Arbeit nach Hause oder zur Garküche, wo sie ihre Nudeln für das einsame Abendessen holen. Frau Chan arbeitet als Sekretärin, Herr Chow ist Zeitungsredakteur.

Was sie in ihren zunächst wie beiläufig ausgetauschten Blicken zunehmend verbindet, ist die Erkenntnis, dass ihre Ehepartner miteinander eine Affäre haben. Mehr und mehr nähern sich die Betrogenen einander an, verbunden durch eine Melancholie, die sie nie in Worte kleiden. Ihre Treffen, ihre Zuneigung gilt es zu schützen: vor der Allgegenwart neugieriger Nachbarn, vor allem aber vor sich selbst, die es ihren Ehepartnern nicht gleichtun wollen. "Es reicht doch, wenn wir wissen, dass nichts zwischen uns ist", sagt sie. Von da an weiß man, dass etwas zwischen ihnen ist.

Mit fünf Jahren kam Wong Kar-wai aus Shanghai nach Hongkong und erlebte dort den Kulturschock: Er verstand die kantonesische Sprache nicht. Vermutlich sensibilisierte ihn dieses Trauma für alles Nonverbale: für Bilder und Gesten, Gerüche, Aromen, Töne und Musik. Beim Beobachten der Großaufnahmen und Details in diesem Film gerät man unwillkürlich in die Lebensphase vor dem Erwerb von Sprache. Geredet wird hier meist nur beiläufig, stattdessen dominieren Geräusche: fließt irgendwo Wasser, plärrt ein Radio, klappern Teller oder eine Schreibmaschine, weht Gelächter herüber. Dauernd wird Essen gekocht oder geholt. Ständig tauschen Menschen von betäubender Eleganz und Schönheit rätselhafte Gesten und Blicke aus. Viele Kameraeinstellungen wirken wie einem verbotenen Blick abgerungen - die Kamera steht unterm Bett, hinterm Vorhang oder in einer Wandflucht. Sie beobachtet durch Spiegel oder vom Fenster aus hinter einem Schleier von Regen, wie eine Frau drinnen am Telefon lügt. Wie ein Mann am Schreibtisch raucht.

Vor allem aber folgt sie der biegsamen Rückenlinie der Hauptdarstellerin: Maggie Cheung scheint in immer neue buntbedruckte hautenge Kleider eingenäht zu sein, in denen sie an fleckige nächtliche Hauswände lehnt, wo sie mit ihrem Freund spielerisch die kommende Szene des Abschieds probt. Spielt - und dann unwillkürlich herzzerreißend weint. Oder den Dialog mit dem untreuen Ehepartner ausprobiert. Die Momente schon zu Beginn, als Maggie Cheung sich in ihrem leuchtenden Kleid durch die schummrigen Stuben ihrer Pension bewegt, in unmerklicher Zeitlupe hinsetzt, und dazu melancholische Walzer-Musik mit Geige und gezupften Bässen erklingt - sie haben eine Aura, die der Film durchhält und steigert. Der Kameramann Christopher Doyle (der zuletzt Barry Levinsons "Liberty Heights" gedreht hat) taucht die Bilder in leuchtendes Braun und Rot und verleiht den Gesichtern oft einen ikonischen Schimmer. Das perfekt abgestimmte Produktions-Design stammt von William Chang, der auch für den raffinierten Schnitt zuständig ist, er schuf eine Welt, in der schon die Flecken im Hausflur beim Betrachten so etwas wie Sucht auslösen: nach dem, was sie bezeugt haben in einer verflossenen Zeit.

Man kennt das aus der Musik und aus der Liebe. Kein Höhepunkt ohne Vorbereitung. "In the Mood for Love" handelt wie alle Filme Wong Kar-wais von der Musik, von der Liebe und von der Zeit. Der Stil des Regisseurs ähnelt in den Tempi Glenn Goulds: immer sehr schnell oder sehr langsam. Hier ist er - wie schon in "Days of Being Wild" von 1990 - sehr langsam. Und nicht nur das, er dreht Schleifen. Er zelebriert Wiederholungen. Er ist obstinat, obsessiv. Er hält den Zuschauer lange hin mit faszinierenden, betäubenden Variationen desselben Alltags. Man versetzt einander wiederholt und findet am Telefon Ausreden. Irgendwann schmilzt plötzlich alles ineinander und hebt ab wie eine Rakete. Man sieht in diesen Momenten eines stummen, klangvollen Höhepunkts zu einer nun schon ein Dutzend Mal gehörten Musik ausschließlich Gesichter: die der beiden Hauptfiguren, die beiläufig am Fenster stehen oder auf der Straße. Rauchen. Gucken. Ins Nichts sehen. Warten. Zeit steht und verfließt sichtbar. Man sieht der auf einmal nackten, angehaltenen Welt beim Denken zu. Ekstase stellt sich ein, eine Art untröstlicher Lustschmerz - Frucht eines raffinierten Timings in der Erzählstruktur.

Wong Kar-wai hat in der asiatischen Welt seit seinem Erstling "As Tears go by" (1988) Kultstatus. In Design, Film und Werbung werden seine Bilder bis heute so tausendfach kopiert, dass er vor ihnen floh und seinen vorletzten Film "Happy Together" am anderen Ende der Welt in Argentinien drehte. Mit "In the Mood for Love" hat er, der seine Stile bei gleichbleibender Meisterschaft dauernd wechselt, endgültig den Tonfall des Klassikers erreicht. Bilder, Kamerafahrten, Schnitte, auch die gewitzte Handlungsstruktur des Films - alles lädt zum mehrfachen Studium ein. Jedes Detail schafft im Zuschauer eine sinnliche Erinnerung an eine Welt, die man nur scheinbar nie erlebt hat. Kann man Erinnerungen wie Gehirngewebe transplantieren? Mit Kino ja.

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