Kultur : In vielen Zungen sollt ihr sprechen

„Vers Schmuggel“: Eine Anthologie der Berliner Literaturwerkstatt

Martin Droschke

LITERATUR

Im Sommer 2002 trafen sich je 12 frankophone und deutschsprachige Lyriker beim Poesiefestival der Berliner Literaturwerkstatt, um mit vereinten Kräften das alte Rätsel, ob Gedichte übersetzbar oder doch nur nachzudichten sind, zu lösen. Dolmetscher halfen 12 Paaren, Verse des jeweils anderen in die Heimatsprache zu transformieren. Nicht die Neuformulierung alter Weisheiten zum Übersetzen, sondern der Kulturaustausch war der entscheidende Effekt des Treffens. Die meisten Teilnehmer sind in ihrer Heimat wichtige Kulturvermittler.

Die von Thomas Wohlfahrt und Aurélie Maurin besorgte Anthologie „Vers Schmuggel / Mots de passe“ ist dafür eine Art Initialzündung. Original und Übersetzung stehen sich dabei jeweils gegenüber. Zum Beispiel Pierre Alferi aus Paris in der Nachdichtung des Schweizers Raphael Urweider und umgekehrt. Andere Paare sind Claude Esteban und Elke Erb, Brigitte Oleschinski und Dominique Fourcade. Begrüßenswert hoch ist der Anteil an Frankophonen, die nicht aus dem sprachlichen Mutterland stammen. Auch die ehemaligen Kolonien werden literarisch erschlossen. Mit Tanella Boni etwa, einer Lyrikerin von der Elfenbeinküste. In ihrer Heimat gilt es als ein Wunder, dass ihr Schrei „aus dem herzen einer frau“ nun bis zum deutschen Buchmarkt vordringt. Insgesamt stößt man auf Texte aus elf Ländern und drei Kontinenten. Das Beispiel des Exil-Marokkaners Abdellatif Laâbi zeigt, dass der vorsätzliche Schmuggel von Versen nicht einmal den Zoll aufhorchen lässt – dafür aber womöglich den deutschen Leser. Wer weiß, dass auf Deutsch bereits zwei äußerst lesenswerte Gedichtbände von ihm vorliegen? Hoffnung ist das Prinzip jeden Lyrikers.

Thomas Wohlfahrt, Aurélie Maurin (Hg.): Vers Schmuggel / Mots de passe. Gedichte. Deutsch und Französisch. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2003. 316 Seiten, 24,80 €.

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