Kultur : "In weiter Ferne": Dressed to die

Peter Laudenbach

So ruhig und beiläufig, so scheinbar konventionell begann am Lehniner Platz lange kein Theaterabend. Tina Engel, eine Göttin der alten Schaubühne, die für diese Inszenierung an das Haus zurückgekehrt ist, räkelt sich genüsslich in einem Korbsessel. Jule Böwe steht in einiger Entfernung vor ihr, ein im Nachthemd zitterndes Kind. Mit brüchiger Stimme, ein wenig ängstlich, ein wenig kuschelbedürftig, lässt es sich von seiner Tante beruhigen. Das Kind konnte nicht schlafen, es hat Schreie gehört. Tina Engel spricht sanft in singendem Tonfall auf das Mädchen ein. Ihre Stimme ist warm und tief, ihr Körper ruht behaglich in sich, ihr Gesicht verströmt zärtliche Liebe. Nichts könnte friedlicher sein als dieses Bild, ein Idyll, in dem Schreie von Eulen oder schlechte Träume das einzig beunruhigende sind. Das Kind hat Schreie gehört. Es werden die Schreie eines Nachtvogels gewesen sein. Das Kind hat gesehen, wie der Onkel Menschen in einen Schuppen bringt. Das sind seine Freunde, sie feiern eine Party, säuselt die Tante. Das Kind hat Blut auf dem Boden gesehen, Menschen mit Wunden im Gesicht, schreiende Kinder. Gut, es ist keine Party, der Onkel versteckt Flüchtlinge. Und dass der Onkel ein Kind geschlagen hat, bis es sich nicht mehr bewegte, nun, das kam daher, weil das Kind ein Verräter war. Jetzt ist die Tante nicht mehr so entspannt, verströmt aber immer noch nichts als Fürsorge.

Die Welt mag ein gefährlicher Ort sein, aber im privaten Binnenraum, im nächtlichen Gespräch zwischen Tante und Nichte, soll der Schrecken ausgesperrt bleiben. Jule Böwe zeigt, wie sehr das Kind an dieses Glück glauben will und daran, dass seine Tante nicht lügt. Und sie zeigt im Zweifel, der nach jedem beruhigenden Säuseln der Tante aufflackert, wie die Ahnung eines namenlosen Schreckens durchbricht, in dem aller Schutz einer unverletzten Unschuld implodiert. In einer einzigen Szene zerbricht das Vertrauen in die Einrichtung der Welt, leise, unheimlich und unwiderlegbar.

Caryl Churchills Stück "In weiter Ferne", dessen deutsche Erstaufführung Falk Richter an der Schaubühne inszeniert hat, ist eine Horrorphantasie, in der der Schrecken wie in kindlichen Alpträumen alles durchdringt und nie zu fassen ist. Das Stück erzählt vom Nebeneinander, Ineinander friedlicher Alltäglichkeit und blanken Grauens. Darin ähnelt es Churchills letztem Stück "Das ist ein Stuhl", das Thomas Ostermeier vor einigen Monaten an der Schaubühne inszenierte.Dort kommentierten riesige Überschriften zu Krieg und Klassenkampf banales Alltagsgerede. Jetzt, bei "In weiter Ferne", ist der Krieg zur stets präsenten Kulisse, zum Hintergrundgeräusch geworden.

Dieser Krieg ist total und richtungslos, kein militärischer Konflikt zwischen Staaten, sondern der molekulare Bürgerkrieg, den Hans Magnus Enzensberger vor einigen Jahren als zielloses Delirium der Gewalt beschrieben hat. Churchill treibt das in die Groteske, wenn am Ende des Stücks von einem Krieg zwischen Krokodilen, Zahnärzten, Franzosen, Rehen, Kindern unter fünf, Letten und dem mit den Kubanern verfeindeten Wetter berichtet wird. Auch wenn im Horizont von Churchills Stück jede Gruppe, jede Ethnie Angehörige einer anderen Gruppe jederzeit umbringen kann, wird im Vordergrund etwas wie zwischenmenschliche Normalität behauptet. Das ist keine Polemik, sondern eine nüchterne Beobachtung, mit der Churchill an aus der Totalitarismusforschung vertraute Erkenntnisse anknüpft: Die Grenzen zwischen barbarischen Gewaltausbruch gegen das Fremde, den Feind und gemütlichem Privatmenschen verschwimmen. Der Onkel, der im Schuppen Gefangene erschlägt, ist vermutlich ein liebenswürdiger Ehemann, der sich wie seine Gattin reizend um die Nichte kümmert.

Ähnlich harmonisch wie die erste Szene beginnt die zweite. Das Mädchen ist älter geworden, jetzt macht sie exzentrische Hüte mit Stahlfedern, Grasbüscheln und Federboas. Sie und ihr Kollege (Robert Beyer) sehen aus, wie man sich Mitarbeiter der gehobenen Trend-Industrie vorstellt: Jung, smart und in Kleidung, die Helmut Langs Szeneuniformen ähneln. Man ist kreativ, bastelt auffällige Kopfbedeckungen und plaudert über Missstände im Hut-Business: Man müsste sich beschweren, die ganze Industrie ist korrupt - was man halt so redet. Der Kollege hat ein Fernsehproblem, er schaut jede Nacht bis morgens um vier bei der Übertragung der"Prozesse" zu. Das Mädchen findet es schade, dass man die Hüte nach "den Paraden" immer verbrennt. Andererseits, das Anfertigen von Unikaten für einen Auftritt hält kreativ, ja, die Hüte sind nicht weniger als "eine Metapher für das Leben".

Der Zuschauer beginnt zu ahnen, dass die Hut-Industrie eine Mischung aus Hollywood, Werbeagentur, Pay-TV und Fashion-Dekadenz darstellt. Nur "die Paraden" und "die Prozesse" bleiben befremdlich. Dann sieht man eine Parade: Gefangene in Handschellen, mit Nummern auf der Brust und in Leinenkitteln marschieren über die Bühne - auf dem Kopf exquisit trashige Hut-Kreationen. Falk Richter hat das, sehr klug und sehr zynisch, als glamouröse Modenschau inszeniert: Der Gang zur Hinrichtung als Laufsteg, die Exekution als durchästhetisierte Unterhaltung mit gehobenem Schauwert. Der Steg und die schwarzen Säulen vor der Betron-Apsis der Schaubühne haben kleine Löcher, die von innen weiß strahlen; über den Gefangenen flackern abstrakte Farbmuster über Video-Monitore - stilvoller inszenieren auch die edelsten Modehäuser nicht.

Diese Inszenierung einer Hinrichtung polemisiert mit Mitteln von Pop-Exzess und Show-Glamour genau gegen eine Bilder-Industrie, die alles zum unterhaltsamen Schauwert arrangiert - und demnächst auch Hinrichtungen aus amerikanischen Gefängnissen live im Internet überträgt. Mit diesem Bild verschmilzt Richter Bret Easton Ellis Roman "Glamorama" mit Huxleys "Brave new world" - und trägt zu einer Wiederentdeckung der in den letzten Jahren auf deutschen Bühnen viel zu selten gespielten britischen Dramatikerin Caryl Churchill bei.

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