Kultur : In Wespen nichts Neues

Arbeitslos, ratlos: Armin Petras inszeniert sein Stück „3 von 5 Millionen“ am Deutschen Theater

Peter Laudenbach

Berliner Theaterpremieren sind zurzeit vor allem wegen ihres Beiwerks interessant: Kommt der Kultursenator? Wem gibt er die Hand? Wie viele Intendanten, wie viele Angehörige der IntendantenFindungskommission und welche potenziellen Intendanten sitzen im Zuschauerraum? Wie lange klatschen sie? Und was für ein Gesicht machen sie, wenn man sie während der Pause auf der Toilette trifft?

Die Fragen eines zeitungslesenden Kulturarbeiters (Eroberte der große Intendant das Theater alleine? Hatte er nicht wenigstens einen Kantinenkoch? Und wer zahlt das alles eigentlich?) drängen sich selbst bei guten Premieren in den Vordergrund der Wahrnehmung. Und bei schlechten Premieren erst recht.

Das ist das Schöne am Berliner Theaterleben: Es produziert, als wollte es Niklas Luhmanns These von der Eigenlogik und unerschütterlichen Selbstreproduktion der Funktionssysteme belegen, auch in der Intendantenfindungs-Krise unermüdlich weiter Premiere auf Premiere. Autopoiesis live on stage!

In diesem Zustand der taumelnden Selbstreferenzialität, des delirierenden Rumors und der zur brodelnden Gerüchteküche, die ein von allen Tatsachen abgekoppeltes Leben dem Kontakt mit der Wirklichkeit längst vorzieht, könnte nichts ehrlicher sein als eine Inszenierung, die sich vor allem mit sich selbst beschäftigt. So ist Armin Petras’ Uraufführung eines Theaterstücks, das sich angeblich mit Arbeits-, Obdach- und Funktionslosen, in Wahrheit aber nur mit dem Theater und seiner Produktion beliebiger, also leerer Bilder auseinander setzt, gnadenlos auf der Höhe der Zeit. Indem „3 von 5 Millionen“ ausstellt, dass sie genau so ratlos und überflüssig ist wie die bedauerlichen Arbeitslosen, die sie vorführt, formuliert sie ein illusionsloses Statement zur Lage des Theaterbetriebs.

Die Inszenierung findet in den Kammerspielen des Deutschen Theaters statt, also auf einer Bühne jener Institution, die nach einigen ungeschickten Schachzügen des Kultursenators einen neuen Intendanten benötigt und mit der Suche danach zurzeit für jede Menge Gesprächsstoff und Amüsement sorgt. Besonders schön ist dieses Spiel, weil Armin Petras, Autor und Regisseur dieses Abends, selbst auf dem Intendanten-Karussell mitfährt und ab 2006 das von seinem tapsigen Vorgänger in die Bedeutungslosigkeit geführte Berliner Maxim Gorki Theater leiten wird.

Fritz Kater, so das neckische Pseudonym des Theaterstücke schreibenden Regisseurs Armin Petras, hat in seiner Serienproduktion von schnell geschriebenen Dramen über Sozialverlierer diesmal einen Romanstoff aus den Dreißigerjahren ausgeschlachtet. Leonhard Franks links-sentimentale Roman-Schmonzette über drei Arbeitslose auf großer Reise („Von drei Millionen drei“) liefert den Plot für den ersten Teil des Abends: Drei Männer torkeln aus ihrer Kleinstadt in die weite Welt. Sie kommen bis nach Argentinien und landen am Ende abgebrannt da, wo alle Abgebrannten irgendwann landen, in Berlin. Petras inszeniert das bemüht komisch und mit biederem Augenzwinkern im Stil eines tschechischen Kinderfilms aus den Sechzigern. Die drei Männer werden von drei Schauspielerinnen (Margit Bendokat, Christine Schorn, Katharina Schmalenberg) in Stummfilm-Manier ausgestanzt: Lauter überdeutliche Gesten auf einer kleinen Podestbühne direkt an der Rampe. Im Hintergrund läuft ein nostalgischer Film, der Berlin als Ansammlung von Lebkuchenhäusern verniedlicht. Thomas Schmidt führt als schwuchtelige Conferencierge durchs Elend der Wirtschaftskrise („Etwas wie ein Leuchten hatten sie in ihren Augen bewahrt“). Massenarbeitslosigkeit als Kitschmärchen aus der Augsburger Puppenkiste. So demonstriert das Theater, dass ihm alles nur Stoff und Vorwand für aparte, niedliche Reize ist.

Nach der Pause sehen wir eine von Holzbrettern umzingelte Bühne, auf dem löchrigen Holzzaun kleben munter blinkende Neonleuchten. Damit auch jeder versteht, dass es hier nicht um Arbeitslose, sondern um die Strategien der Wirklichkeitsabbildung und Bilder-Produktion geht, erzählt Milan Peschel im lustigen Wespen-Kostüm, sozusagen verkleidet als die Biene Milan, was Francis Bacon, das Petras-Idol Martin Kippenberger und noch ein paar andere Kunstschaffende über sich und ihre Arbeit denken („Begriffe müssen natürlich zerstört werden“). Weil der Castorf-gestählte Volksbühnen-Schauspieler Petras über Kraft, Komik und Ausstrahlung verfügt, ist diese kleine Einlage lustig – eine freundlich gereichte Gebrauchsanweisung für den Abend, ein Zwischenspiel mit pädagogisch dosierter Interpretationshilfe.

Das Beste daran: Die Post geht ab, zum ersten Mal an diesem langen Abend. Der Rest ist ein Trash-Western, in dem eine Bank überfallen, die Not arbeitsloser Schauspieler beklagt und die beeindruckende Wampe von Peter Kurth durchs Bühnenbild gewuchtet wird. Auch das eine Übung in Voll-Künstlichkeit und Verwurstung aller möglicher Probleme zum flachen Theaterreiz. Eine Inszenierung, die weiß, dass kein Mensch sie braucht. Konfuser Abend.

Wieder am 26. und 31. Januar, 20 Uhr

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