Kultur : In "Women" zeigt die Fotografin Annie Leibovitz die Ästhetisierung der Wirklichkeit

PvB

"Women" heißt der Prachtband, in dem die New Yorker Starfotografin Annie Leibovitz noch einmal ihr Füllhorn öffnet. Viele Superreiche oder Hochberühmte posieren vor ihrer Kamera - doch gibt das Objektiv auch den unbekannten, ärmeren Frauen dieser Leibovitzwelt das gleiche Recht auf Achtsamkeit und Bedeutung. Leibovitz verleiht selbst einem weiblichen Opfer männlicher Gewalt mit seiner Platzwunde an der Stirn eine stumm-emphatische Würde. Man mag diese Manier voller Brillanz und Eleganz eine Ästhetisierung der Wirklichkeit nennen. Dagegen würde die Fotografin, ihre eigene Kunst(fertigkeit) verleugnend, wohl eher ein Naturrecht auf Schönheit postulieren. Und schön in irgendeiner Weise sind sie fast alle: die vom Leben und der Arbeit gezeichnete Serviererin einer Hamburger-Station, die strenge Tänzerin Linda Childs, die weißhaarige krebskranke Liz Taylor, die mit goldenen Highheels und einem Pelzcape herausgeputzte Jerry Hall, die ihren Babysohn Gabriel Jagger stillt, die schwarzen Tennisschwestern Serena und Venus Williams oder die einer greisen Indianerin, einer grandiosen Urgestalt aus Vorzeiten ähnelnde Künstlerin Louise Bourgeois. Susan Sontags Vorwort für den in deutscher Übersetzung im Schirmer/Mosel Verlag, München, erschienenen Band verteidigt dabei, gegen Männermythen und "Geschlechterklischees", auch eine Art Naturrecht der Leibovitz-Models auf Laszivität - und feiert die Bilder als "Gegenkraft zur Bigotterie". Hier nun sehen wir, in keimfrei ironischer Stilisierung, Hillary Clinton bei der Arbeit zu. (247 Seiten, 148 Mark)



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