Kultur : In zivil

Die wunderbaren Fotos von Arnold Odermatt

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Familienalbum. Perfekte Winterferien aus Odermatts Blickwinkel. Foto: Odermatt
Familienalbum. Perfekte Winterferien aus Odermatts Blickwinkel. Foto: Odermatt

Unglück und Glück sind die antipodischen Themen im Werk des Schweizer Fotografen Arnold Odermatt. Mit dem Unglück hat es begonnen. Vielleicht hielt der Verkehrspolizist Odermatt den Anblick ineinander verkeilter, umgekippter oder an einem Peitschenmast gescheiterter Fahrzeuge einfach nicht mehr anders aus als mit einem nüchternen Foto, das zwischen ihm und dem Unfall Distanz herstellte. Vielleicht faszinierte den 1925 im Kanton Nidwalden geborenen und seiner Heimat lebenslang treu gebliebenen Mann aber auch, wie der Geschwindigkeitswahn der Menschen immer wieder an Hindernissen kollabiert.

Aber den Autodidakten, der heute als Pensionär am Vierwaldstädter See lebt und dessen fotografisches Werk erst dank seines Sohnes bekannt wurde, muss ein sonniges Gemüt geleitet haben. Nicht nur, dass er die böse Seite der Verkehrsunfälle, die Verletzten und Toten, instinktiv außen vor ließ – was die komische Wirkung der Karambolage-Bilder erst ermöglichte. Auf der anderen Seite hat er, nicht minder intensiv, die eigene Familie als heile Welt ins Bild gesetzt. Odermatt komponiert diese Szenen derart sorgfältig und genau, dass der Betrachter im Widerspruch zwischen Formwillen und banalem Inhalt leicht eine ironische Absicht vermuten kann. Doch nichts lag ihm ferner.

Die Galerie Springer & Winckler präsentiert Odermatts Werk in Berlin regelmäßig seit 2000. Standen erst die „Karambolagen“ im Mittelpunkt, spannt die neue, vierte Ausstellung den Bogen von den Polizeibildern und als Werbung gedachten farbigen Dienstaufnahmen zu einer kleinen Serie seiner Selbstporträts und vor allem zu den Familienszenen. Der Polizist beziehungsweise Oberleutnant Odermatt ist „In zivil“ ebenso präzise ans Werk gegangen wie bei den Menetekel-Bildern von der Straße, nur eben zusätzlich mit anrührender Herzlichkeit. Wie gut passt da zum Beispiel das rose gestreifte Kleidchen der Enkelin zum schwarzen Pudel, den sie an der Leine hält, und beides zum Grau des Asphaltbandes, das sich zwischen grünen Wiesen den Berg hinaufschlängelt. Ein blauer Himmel wölbt sich darüber, und die kleine Gruppe der sonntäglichen Spaziergänger neben der Berghütte im Hintergrund verheißt Glück und Geborgenheit.

Die Mischung aus bescheidenem Kunstwillen und biederem Familien- wie auch Heimatsinn sichert diesem Oeuvre viel spontane Sympathie. Odermatt ist ein Meister der Familienikone, die ihren altväterlichen Atelierstil hinter sich gelassen hat, um unter freiem Himmel fröhliche Wiederkehr zu feiern, mag auch das Leben draußen und werktags so gefahrvoll sein wie lange nicht mehr. Unglück und Glücksverlangen bedingen einander. Der Kunsthandel profitiert von diesem Boom und verlangt 2200 Euro für ein Schwarzweißfoto und 5000 Euro für jede farbige Aufnahme. Hans-Jörg Rother

Springer & Winckler, Fasanenstr. 13; bis 20.11., Di - Fr 10-14 u. 15-18 Uhr, Sa 12-15 Uhr.

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