Kultur : Ina Müller

Diese Woche auf Platz 77 mit: „Weiblich. Ledig. 40.“

Ralph Geisenhanslüke

An einer Frau wie Ina Müller können sich Familienpolitiker die Zähne ausbeißen. Sie sieht nicht gerade schwer vermittelbar aus und kennt bessere Musik als das Ticken der biologischen Uhr. „Auf halber Strecke“ des Lebenswegs: kein Hauch von Torschlusspanik.Der Albumtitel umreißt die Zielgruppe und ist zugleich Zustandsbeschreibung. Ina Müller, vor 40 Jahren im 968 Einwohner zählenden Köhlen bei Cuxhaven geboren, singt für ihresgleichen. Allerdings handelt es dabei nicht um einen präklimakteriellen Hitzeschub. Frau Müller gilt als äußerst frischwindige Entertainerin: Elf Jahre lang zog sie als eine Hälfte des Kleinkunst-Duos „Queen Bee“ durch die Lande, eng assoziiert mit den legendären Missfits. Sie wurde zu einer mündlich wie schriftlich unermüdlichen Botschafterin des Plattdeutschen und moderiert auch TV-Shows, bei denen norddeutsche Landwirte in den Hafen der Ehe einlaufen können.

Mittlerweile bevorzugt sie das Hochdeutsche, aber ihre Texte bleiben direkt und treffsicher. Kürzer als in dem Radio-affinen Refrain „Bye bye Arschgeweih“ kann man kaum beschreiben, mit welch gepflegtem Abstand eine gesettelte 40erin juvenile Mode-Torheiten betrachtet. Ina Müller sagt: Es ist okay, Orangenhaut zu haben, es ist okay, den Generationenvertrag nicht zu erfüllen. Es ist besser, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, ehe die Liebe lau wird.

Hinter der gepflegten Produktion stecken Verträge ganz anderer Art. Zum einen Frank Ramond, ein Produzent, Komponist und Texter, der von den Lollipos bis DJ Ötzi alle gleichermaßen professionell versorgt hat und der zugleich dutzendweise Hits wie „Ich will doch nur spielen“ aus dem Ärmel schüttelt. Zum anderen das Hamburger Label 105Musik, mitbegründet vom früheren EMI-Chef Heinz Cannibol. Die Firma, unter anderem auch Heimat von Annett Louisan, hat sich auf handgemachten deutschen Pop für Erwachsene spezialisiert. Kleine, feine, beinahe schon familiäre Strukturen. Patchwork ist eben auch ein Erfolgsmodell.

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