Inbegriff hessischer Unterhaltungskultur : Ein Hossa auf den "Blauen Bock"

Für die einen war die ARD-Show "Zum Blauen Bock" das nackte Grauen, für die anderen der Inbegriff hessischer Unterhaltungskultur. In Bad Homburg feiert das "1. Deutsche Äppelwoi-Theater" Premiere.

Bad Homburg - In der Kulisse einer nachgebauten Äppelwoi-Kneipe verbreiteten Heinz Schenk und Lia Wöhr von einem Tanzorchester begleitet, hartnäckig gute Laune in hessischer Mundart. Von 1957 bis 1987 flimmerte die Musiksendung des Hessischen Rundfunks in den deutschen Wohnstuben, bevor Schenk seine Mission kurz nach dem 30-jährigen Jubiläum der Reihe aus Altersgründen aufgab. Jetzt will ein Kunstschaffender der einstigen Kultsendung mit einer neuen Unterhaltungsshow gedenken.

Michael von Loefen hat vor Jahrzehnten selbst einer Aufzeichnung des "Blauen Bocks" beigewohnt. "Nach heutigen Maßstäben hatte das ja was von Comedy", erinnert sich der 51-Jährige, der vor den Toren Frankfurts in Neu-Isenburg ein kleines Theater betreibt. Jetzt will der Schauspieler in Bad Homburg das "1. Deutsche Äppelwoi-Theater" aufziehen. In einem umgebauten ehemaligen Kino in einem Seitentrakt des Kurtheaters soll die vom "Blauen Bock" inspirierte Unterhaltungsshow über die Bühne gehen.

"Mamorstein und Hossa"

Mit einem Augenzwinkern wollen die fünf Schauspieler einstige Schlagersendungen auf die Schippe nehmen. Zur Premiere am 13. Januar stehen mit "Mamorstein und Hossa" die 70er Jahre im Mittelpunkt. Dabei soll die Geschichte der Pril-Blume und der Zeitschrift "Emma" erzählt, oder der einstige Entertainer Ilja Richter durch den Kakao gezogen werden. "Trotz der Schlager soll das ein niveauvolles Programm werden", verspricht von Loefen. So würden die Lieder von dem Ensemble alle mehrstimmig und live gesungen. Etwa, wenn eine lebende Pril-Blume den Schlager "Das bisschen Haushalt" intoniert.

Neben den 70er Jahren müssen in weiteren Revuen auch die 60er ("Petticoat und Entenschwanz") und die 80er ("Da-da-da der Märchenprinz) herhalten. Im Premierenjahr werden darüber hinaus Loriot-Sketche und weitere Gastspiele geboten.

Zuschauer sollen Einfluss nehmen

Präsentiert werden sollen die Shows dabei in einer lockeren und ungezwungen Atmosphäre. Von Loefen schweben als Vorbild bayerische Wirtshausbühnen vor, die in großen alten Kneipen oft ein "sehr originelles Theater" präsentieren würden. Die Theaterbesucher erwartet in Bad Homburg eine klassische Äppelwoi-Wirtschaft, in der neben dem hessischen Nationalgetränk aber auch Bier, Wein und kleine Snacks geordert werden dürfen. Die Zuschauer sollen ganz bewusst eng gedrängt an kleinen Tischen sitzen und durch Zurufe auf das Programm Einfluss nehmen.

Als Zielpublikum hat von Loefen die Altersgruppe zwischen 30 und 70 Jahren ins Auge gefasst. "Da werden jetzt keine Schulklassen kommen", ist sich der 51-Jährige sicher, auch wenn bei vielen Partys der jüngeren Generation derzeit wieder Schlager angesagt seien. 75 Plätze bietet das umgebaute Kino im Souterrain, alle sechs Wochen soll das Programm wechseln.

Die Stadt freut sich über das neue Theater in zentraler Lage. Peter Bruckmaier von der Kur- und Kongress-Gesellschaft spricht von einer "Sonderform der Kultur". "Das hat sich kongenial getroffen, wir sind immer auf der Suche nach kleinen Nischen für unsere Kurgäste", sagt Bruckmaier, der an dem Theater vor allem die angedachte lockere Atmosphäre schätzt: "Man muss sich da auch mal zuprosten dürfen." (Von Oliver Teutsch, ddp)

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