Kultur : Indian Summer

NAME

Von Hendrik Bebber

Nein, nicht die Pizza und kein Hamburger hat „Fish and Chips“ als englisches Nationalgericht abgelöst, sondern „Chicken tikka masala". Und nun erfasst auch eine kulturelle Fresswelle mit anglo-indischer Mischkost Großbritannien. Die einstige Kronkolonie erobert den Rest des Empire.

Man weiß gar nicht mehr, wo man zuerst hinlangen soll: Andrew Lloyd Webber serviert als neue Superproduktion das Musical „Bombay Dreams". Das „British Film Institute" deckt acht Monate lang die Tafel mit „ImagineAsia" und präsentiert in seiner bislang größten ausländischen Filmshow die Kreationen aus der Traumküche von Bollywood, wie die indische Kommerzfilm-Metropole Bombay heißt.

In London eröffnete das für zwei Millionen Euro frisch renovierte „Watermans Art Centre" für zeitgenössische Kunst und Kultur des indischen Subkontinents. „Kala Sagam", eine Tanz- und Theatertruppe aus Bradford, füllt auf ihrer Tournee selbst in englischen Provinzstädten die Säle, und der Londoner Hari Kunzru bekam für seinen ersten Roman „The Impressionist" schon zwei Millionen Euro Vorkasse - eine Rekordsumme, die die in Großbritannien herrschende „Asiamania" widerspiegelt.

Epische Ost-Wester

„“Asiaten", so lautet der Sammelbegriff für die Einwanderer aus Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka, beherrschen auch die britischen Filmproduktionen dieses Jahres: „TheWarrior", ein epischer „Ost-Wester" des in London geborenen Regisseurs Asif Kapadania, ist ein ebenso starker Kinohit wie „Bent it like Beckham", eine hinreißende Filmkomödie von Gurinder Chada. Die Schauspielerin und Autorin Meera Syal, die auch das Script für die „Bombay Dreams" schrieb und zum Star der populären TV-Serie „Goodness Gracious Me" wurde, setzt ihren Höhenflug in der Verfilmung ihres Romans „Anita and Me" fort. Und die Macher von „Notting Hill" wollen mit „The Guru", der Geschichte eines britisch-asiatischen Touristen, der in New York mit einem Sex-Guru verwechselt wird, an ihren Welterfolg anknüpfen.

Die „Guru"-Story erinnert an Hanif Kureishis Roman „Buddha aus der Vorstadt", der bereits vor zwölf Jahren erschien. Der in Bromley geborene Sohn eines pakistanischen Vaters und einer englischen Mutter und die aus Sheffield stammende Anita Desai zählen wie Salman Rushdie oder Nobelpreisträger V. S. Naipaul zu den „Hy-Briten", die multikulturelle Vielfalt in der englischen Literatur etablierten, lange bevor das Schlagwort in anderen europäischen Ländern aufkam. Rushdie und Naipaul zeigen dabei auf tragische Weise, wie Brückenbauer zwischen den Ufern abstürzen können. Der Autor der „Satanischen Verse" wurde bei den britischen Muslimen zum „blasphemischen Satan"; sie verbrannten seine Bücher, beschworen so das Todesurteil Khomeinis herauf.

Naipaul setzte sich ebenfalls zwischen alle Stühle. „Multikultis" verdammten seine Maxime „Um dich zu ändern, musst du deine Vergangenheit, deine Geschichte zerstören. Du musst auf sie treten und sagen: Die Kultur meiner Ahnen existiert nicht mehr für mich. Sie spielt keine Rolle mehr." Hierauf nahmen ihn die konservativen Verfechter des Imperialisten Ruyard Kippling zum Kronzeugen für dessen Gebot kultureller Rassenreinheit: „Der Osten ist der Osten, der Westen ist der Westen, niemals werden sie sich treffen."

Während die englische Kritik Rushdies und Naipauls letzte Werke verriss,, ergötzt sie sich jetzt über deren giftigen Streit um den Kaschmir-Konflikt – wobei Rushdie den indischen Nationalismus so heftig angriff wie Naipaul sich für ihn stark macht. Die Umtriebe der literarischen Prominenz aber hatten wenig Einfluss auf die britische „Mainstream"-Kultur. Der Durchbruch kam erst vor drei Jahren mit der Verfilmung von Ayub Khan Dins Komödie „East is East", der ironisch Kipplings ominöse Ballade zum Titel wählte. Seitdem hält der Boom an. Weiße Briten haben an den mit „typisch" englischen Humor ausgefochtenen Familien- und Integrationskonflikten ebenso ihren Spaß wie ihre Landsleute asiatischer Abstammung. „Nie zuvor hatten asiatische Autoren und Filmemacher solche Chancen, in die Leitkultur einzubrechen," urteilt Rajinder Sawheny, der die Filmreihe „ImagineAsia" koordiniert. Die „Asiamania" heizte auch das Interesse an der Pop-Kultur des indischen Subkontinentes an. Plötzlich haben die für Indiens Massen produzierten Schmachtfetzen Bollywoods in England Kultstatus, werden selbst in den Nachtprogrammen britischer Fernsehsender ausgestrahlt. Seitdem sind Sari-Variationen für junge Frauen, was einmal der Mini-Rock auf der Carneby-Street war.

Von dem fröhlichen Clinch mit indischem Kitsch profitiert sogar die Hochkultur. „Tara Arts", das älteste asiatische Theaterensemble Großbritanniens, freut sich über den phänomenalen Erfolg seines Stücks „Reise nach dem Westen": ein Epos indischer Emigranten über Ostafrika nach England. „Mehr Asiaten kommen nun ins Theater als jemals zuvor. Ich hoffe nur, dass es nicht bei einer Modeerscheinung bleibt wie 1980 nach dem Ghandi-Film", sagt der Regisseur Jatinder Verma. Allerdings traf dieses neue Interesse an der Kultur der größten ethnischen Minderheit (mit 1,9 Millionen Menschen stellen die „Asiaten" rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung) mit den schlimmsten Rassenunruhen zusammen, die Großbritannien seit zwei Jahrzehnten erlitten hat.

Die Straßenkämpfe von Oldham

„Unwissenheit, Vorurteile, Angst" zwischen Weißen und Asiaten bestimmen laut einem Untersuchungsbericht die Atmosphäre in Städten wie dem nordenglischen Oldham, wo letzten Sommer tagelange Straßenkämpfe ausbrachen. Fazit des Berichts: „Pakistani, Bangladeshis und Weiße leben getrennt, und wir müssen uns fragen, ob sie überhaupt etwas miteinander zu tun haben wollen." Gurbux Singh, Vorsitzender der staatlichen „Kommission für Rassengleichheit", war „tief deprimiert" über die Beziehungen zwischen der weißen und anderen Bevölkerungsgruppen in den Städten der Krawalle: „Es gibt kein Gemeinschaftsgefühl und stattdessen einen Graben, was Wohnsituationen, die Erziehung und die sozialen Verhältnisse angeht. Die Vorstellung der Asiaten, dass sie nur vorübergehend nach Großbritannien eingewandert sind, ist seit Jahrzehnten falsch. Wir müssen eine aktive Rolle in der Kultur dieses Landes spielen. Natürlich ist nichts gegen kleine Punjabs einzuwenden, aber sie müssen in einem sozialen Gefüge mit der Gesamtkultur stehen". Für Söhne und Töchter der Einwanderer ist es schwer zu begreifen, dass die weiße Schickeria auf Bollywood abfährt und sie gleichzeitig als bin Ladens fünfte Kolonne betrachtet. Und die vergnügten Slumbewohner aus „Bombay Dreams" sind nicht unbedingt ein Rollenmodell für die verfallenden Ghettos, wo ihre britischen Verwandten leben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar