Kultur : Indianer spielen

Zum Finale des 50. Dokumentarfilmfests Leipzig

Philipp Lichterbeck

Der Skandal dauerte nur acht Minuten. Dennoch hat der verstörende Kurzfilm des Italieners Francesco Uboldi auf dem Internationalen Dokumentarfilmfest Leipzig einen Nerv getroffen. Zum 50. Jubiläum des Festivals, das am Wochenende mit der Preisverleihung zu Ende ging, drängt sich die Frage auf: Was dürfen Dokumentarfilme, was können sie heute leisten? Uboldis Film „Jean Paul“ erzählt vom grausamen Tod eines psychisch Kranken in den Bergen Kameruns. Er wird im Auftrag der eigenen Familie an einen Baum gekettet, weil er angeblich ein Dieb und Kannibale ist, nun soll er verdursten, sagt sein Henker. Uboldi zeigt den Todeskampf Jean Pauls, wenige Stunden später, so eine Einblendung am Schluss, sei er gestorben. Jeder Rettungsversuch wäre zu spät gekommen.

So kommentarlos dürfe man den Tod des Mannes nicht zeigen, empörte sich ein ehemaliger ARD-Korrespondent in den „Tagesthemen“. Eine Vertreterin der Leipziger Auswahlkommission verteidigte den Film mit dem unbeholfenen Argument, dass auch in Europa schlecht mit psychisch Kranken umgegangen werde. Der 30-jährige Uboldi erklärte, dass man ihn gelyncht hätte, wenn er versucht hätte, einzugreifen, außerdem werde der Film von Menschenrechtsgruppen zu Aufklärungszwecken eingesetzt. Und Festivaldirektor Claas Danielsen gab zu Protokoll, man habe genau diese Diskussion über die ambivalente Rolle des Dokumentarfilmers auslösen wollen.

Schon der Eröffnungsfilm „Hills of Disorder“ sorgte für Debattenstoff. Dessen Regisseur, der Brasilianer Andrea Tonacci, gestand dem verdutzten Publikum, er habe keinen Dokumentarfilm gedreht, sondern die wahre Geschichte eines alten Indianers nachgestellt. Der Dokumentarist als einer, der Realität inszeniert und vorgibt, neutraler Beobachter zu sein, obwohl die Realität schon durch seine bloße Anwesenheit eine andere wird.

Etliche der 130 Filme, die Danielsen und sein Team aus der Rekordzahl von rund 2000 Einreichungen ausgewählt hatten, thematisierten dieses Dilemma. Immer wieder wurden in den Filmdiskussionen Fragen gestellt, die weniger etwas mit dem Gezeigten als dem Zeigenden zu tun haben: Wie sind Sie den Menschen so nahe gekommen? Es war der Brite Paul Watson, der die Bedingungen des Filmemachers offenlegte. Watson begleitet vier Alkoholiker in ihre Lebenshöllen und dokumentiert in „Rain in my Heart“, wie zwei seiner Protagonisten elend sterben und die anderen sich trotz Warnung ungehemmt ihrer Sucht ergeben. Bevor er dreht, schärft Watson ihnen ein: „Ich kann dich nicht stoppen, denn ich bin nicht anwesend, obwohl du weißt, dass ich da bin.“ Doch das schließt für Watson nicht aus, als Mensch präsent zu sein, zu helfen und das Gespräch zu suchen, bei dem er die eigenen Gefühle nicht verschweigt. So kommt er den Alkoholikern sehr nahe – und nebenbei auch dem erbärmlichen britischen Gesundheitssystem.

Auch die Riege junger deutscher Dokumentaristen porträtiert vorzugsweise Menschen am Rand der Gesellschaft: Von der Unterschicht versprechen sie sich Authentizität. Doch anders als bei Watson bleiben die jungen Ausländerinnen in München („Draußen bleiben“ von Alexander Riedel) oder die Heroinabhängigen in Berlin („Drifter“ von Sebastian Heidinger) fremde Figuren, ohne sozialen Kontext, ohne Zeit und Geschichte. In diese Falle tappt sogar Thomas Heise mit „Kinder, wie die Zeit vergeht“, seinem schwarzweißen Abgesang auf Halle-Neustadt als apokalyptische Abbruchhalde im kaputten Osten. Er erhielt die Silberne Taube dafür.

Von einem Michael-Moore-Effekt kann übrigens keine Rede sein. Festivalchef Danielsen berichtet konsterniert, dass keine einzige investigative Arbeit eingereicht worden sei. Nicht wenige Dokumentarfilmer halten sich offenbar eher für Poeten. Was nicht unbedingt ein Nachteil ist, wie der poetische Altmeister Volker Koepp mit seinem Film über russische Kinder im ehemaligen Ostpreußen erneut beweist. In „Holunderblüte“, der schon auf dem Filmfest München zu sehen war, sind die Erwachsenen weggegangen oder dem Alkohol verfallen. Nur Kinder scheinen noch in den zuwuchernden Dörfern zu leben. Sie nehmen einen mit in ihre Märchenländer, die Koepp mit Bildern einer urwüchsigen Landschaft illustriert.

Vielen Festivalbesuchern galt „Holunderblüte“ nicht nur als Koepps bester Film, sondern auch als Favorit für die Goldene Taube. Die Jury entschied sich für den rumänischen Schwarzweißfilm „Don’t get me wrong“: In ihrem 50-minütigen Erstling zeigt Adina Pintilie eine Psychiatrie als Ort theologischer Zwiegespräche und großer Zärtlichkeit. Sie beobachtet geistig behinderte Autisten in deren Alltag – und wird von ihnen aufgrund derBehinderung so gut wie nicht wahrgenommen. Der Dokumentarist, der beobachtet oder sich einmischt: Am Ende des Festivals rückte das Dilemma des Genres wieder ganz weit weg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben