Kultur : Indien: Retten mit Hebekissen und Betonsägen - Wie die Helfer ausgerüstet sind

Fatina Keilani

Wann immer wir Berichte von Katastrophengebieten dieser Erde lesen, findet sich in den Schilderungen derselbe Passus: "Mit bloßen Händen graben Überlebende verzweifelt nach Angehörigen, Freunden, Nachbarn." Mit bloßen Händen: weil kein richtiges Hilfsgerät zur Verfügung steht und weil jede Minute zählt. So mancher mag sich fragen, warum das heute noch so sein müsse. Da fliegen wir ins All, bauen sensible Roboter und operieren über Satellit und mit Laser, aber sind derart machtlos, wenn die Natur zugeschlagen hat?

Im Grunde ja. Immerhin sind wir nicht mehr ganz so machtlos wie früher - die Rettungstechnik hat sich weiterentwickelt. Experten des Technischen Hilfswerks sind am Sonntagvormittag im indischen Ahmedabad gelandet. Sie sind eingeteilt in eine Ortungs- und in eine Rettungsgruppe und haben das modernste verfügbare Gerät dabei. Die Ortungsgruppe sucht mit einer Spezialkamera, einem elektronischen Ortungsgerät und speziell trainierten Spürhunden die Gegend ab. Wird noch Leben ausgemacht, tritt die Rettungsgruppe in Aktion. Mit einem pneumatischen Hebekissen kann sie auch schwere Gebäudeteile vorsichtig anheben, mit Betonkettensägen Wände durchschneiden. "Man kann ja nicht mit schwerem Räumgerät, etwa mit Baggern, vorgehen", sagte eine THW-Sprecherin dem Tagesspiegel am Sonntag. "Denn wenn Menschen in den Trümmern sind, würden sie dadurch erst recht gefährdet".

Eingesetzte Schweizer Suchhund-Teams hatten zuvor einen ersten Erfolg erzielt. Sie spürten kurz nach der Ankunft in der Erdbebenregion zwei Überlebende auf. Ein 14-jähriger Junge und dessen Mutter wurden aus den Trümmern geborgen. Die rund 50 Schweizer Helfer sollen mit Hunden nach verschütteten Überlebenden suchen sowie Hilfsgüter des Roten Kreuzes ins Katastrophengebiet bringen.

Anders als in früheren Zeiten sind die ausländischen Helfer der schnellen Einsatztruppen diesmal flott und problemlos ins Land gekommen. Das getroffene Gebiet selbst gehört eigentlich nicht zu den erdbebengefährdeten Gegenden Indiens. "In diesem Gebiet hat vorher eigentlich nie ein größeres Beben stattgefunden", sagte der Geophysiker Hans Berckhemer vom Institut für Geophysik der Universität Frankfurt/Main am Sonntag. "In Indien wird viel Erdbebenforschung betrieben, Wissenschaft und Technik sind dort gut entwickelt." Das Land sei allerdings riesengroß und Räumgerät sicherlich in gefährdeteren Gegenden stationiert.

Nach wie vor sind Erdbeben nicht vorhersehbar, selbst dann nicht, wenn Geld und Technik reichlich vorhanden sind. So haben japanische Wissenschaftler, die schon seit Jahrzehnten viel Geld für entsprechende Technik ausgeben, bisher keine Beben vorhergesagt - passiert sind sie trotzdem. Experten meinen sogar, der falsche Glaube an die Vorhersagbarkeit habe erst zum Ausmaß der Katastrophe von Kobe beigetragen. Ähnlich ist die Lage in Kaliornien.

"Das beste, was man tun kann, ist, erdbebensichere Häuser zu bauen", sagte Berckhemer. Das sei heute durchaus möglich, verteuere aber jeden Bau. Deshalb hielten sich viele nicht an vorhandene Vorschriften. Das habe man in der Türkei sehen können. In Indien gibt es gar nicht erst Bauvorschriften, die eine erdbebensichere Bauweise vorschreiben. Nur die Moschee von Sidi Bashir, erbaut im Jahre 1527, hat das verheerende Beben überstanden.

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