Kultur : Indiens Reiche, Indiens Schöne

Hans-Jörg Rother

Was bringt eine indische Fotojournalistin dazu, an die Türen der Reichsten der Reichen ihres Landes zu klopfen und um die Erlaubnis zu bitten, sie zu porträtieren? Wollte Dayanita Singh , 1961 in New Delhi geboren, einen Blick in die Welt des Luxus und des Müßiggangs werfen, als sie sich zum Tee einlud? Distanz sucht man auf ihren meist großformatigen Schwarzweißbildern, die bis 7. Dezember im Hamburger Bahnhof (Di-Fr 10-18 Uhr, Sa u. So 11-18 Uhr) zu sehen sind, vergeblich. Doch ein Hauch von Ironie liegt über den gelungenen Inszenierungen von sanften Töchtern, die sich in ihren weißen Saris aneinander schmiegen, einer Frau mit 14 Katzen oder Familien, die respektvoll um den Hausherrn gruppiert sind. Posen aus dem Fundus der Auftragsfotografie. Erheiternd wirkt, dass ältere Damen sich gern vor ihren Betten postieren, als wäre die vornehme Liegestatt das wichtigste Möbelstück für sie. Man besitzt, das zeigen Aufnahmen aus dem Palast eines Prinzen Morvi, Betten für den Tag und für die Nacht.

„Privacy“, wie Dayanita Singh ihre Serie genannt hat, knüpft an die Tradition der in Indien seit dem 19. Jahrhundert gepflegten Porträtfotografie an, fügt ihr aber die ethnographische Neugier hinzu. Die Personen interessieren nicht an sich, sondern als Angehörige einer überprivilegierten Kaste. Die scheinbar neutrale Haltung der Autorin rückt die mal traditionsbewusst, mal nach dem letzten europäischen Schrei gekleideten Modelle, sogar schon die Kinder, in eine dem Normalmenschen unerreichbare Ferne. In der eingefügten zweiten Serie „Empty Spaces“ charakterisiert allein das Mobilar den Lebensstil seiner Besitzer. Als Mahnung oder Ergänzung darf man die Aufnahmen aus wertvollen Bibliotheken in Bombay und Kalkutta oder des Mantels von Jawaharal Nehru, des ersten indischen Ministerpräsidenten, im Museum von Allahabad werten, eine Verneigung vor nationalen Devotionalien. Mit einer dritten ethnographische Serie von Singh lockt bis 1. Februar 2004 das Museum für Indische Kunst in Dahlem. „Myself Mona Ahmed“ spiegelt das Leben eines der zahlreichen Eunuchen, die im religiösen Leben Indiens noch immer eine Rolle spielen.

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