Indische Literatur : Gottes kleine Slumdogs

Zwei strampelnde Nichtsnutze auf dem Weg nach Bollywood: Kiran Nagakars Bombay-Burleske „Die Statisten“.

Sigrid Löffler

Ravan & Eddie? Das waren doch die überlebensgroßen indischen Lausbuben aus einer der ärmlichen Mietskasernen in Bombay, die wegen der Religion keine Freunde sein konnten – die Helden von Kiran Nagakars gleichnamiger Pubertätsburleske aus dem Jahr 1995. Jetzt hat sich der indische Autor nach „Gottes kleiner Krieger“ (2006), seinem stark beachteten Roman über den religiösen Extremismus, abermals seines Erfolgsduos entsonnen.

„Die Statisten“ setzt fort, wo „Ravan & Eddie“ aufhörte, und begleitet Ravan Pawar, den Hindu-Jungen, und Eddie Coutinho, den Spross einer indisch-katholischen Familie aus der portugiesischen Provinz Goa, durch ihre nachpubertären Abenteuer im Bombay der 1960er und siebziger Jahre, lange vor der Umbenennung der Stadt in Mumbai. Doch die menschenverschlingende Maximum City von heute deutet sich an: Auch Nagarkars Roman-Bombay kämpft mit Übervölkerung, Korruption, organisierter Kriminalität und Verkehrsinfarkt. Ravan und Eddie wohnen immer noch bei ihren miteinander verfeindeten Müttern im vierten und fünften Stockwerk ihres Massenquartiers, ihrer „Ameisenkolonie“. Ihre Aussichten als ungelernte Schulabbrecher scheinen dürftig, doch ihr Optimismus ist ungebremst: Sie träumen von einer Karriere als Filmschauspieler in der Glitzerwelt Bollywoods. Auf dem Weg dahin scheut Nagarkar keinen Umweg, keinen Irrweg und keine erzählerische Sackgasse. Unverdrossen begleitet er seine einfältigen Helden von einem miesen Job zum nächsten und malt detailfroh aus, wie sie immer wieder übertölpelt und reingelegt werden und doch fest daran glauben, im Hindi-Film groß rauszukommen.

Schön abwechselnd folgt Nagarkar kapitelweise mal dem einen, mal dem anderen seiner Slumdogs auf ihren mäandernden Lebensbahnen. Da diese über weite Strecken parallel verlaufen, stellt sich bald das Gefühl eines lähmenden Schematismus ein. Der aufgekratzte, verquasselte Erzählton täuscht nicht über die flaue Entbehrlichkeit mancher Passagen hinweg. Der Roman bringt es fertig, zugleich kurzatmig und langatmig zu sein. Oft hat man Mühe, die beiden Universal-Amateure in ihren identischen Träumen und ihren unwahrscheinlich synchronen Neustarts überhaupt noch auseinanderzuhalten. Dem guten Willen des Lesers wird da einiges zugemutet. Beide Helden gründen eine Band und scheitern; beide versuchen, zufällig am selben Tag, mit gefälschten Visa über Dubai in die USA zu emigrieren; beide nehmen gleichzeitig beim selben Lehrer Schauspielunterricht; und beide werden schließlich Teil der chaotischen Welt der indischen Filmindustrie – als Statisten. Da bleibt es nicht aus, dass sie mit der Zeit sogar Freunde werden.

Plausibilität ist freilich gar nicht Nagarkars Erzählziel. Er hat sich schlicht in seine zwei strampelnden Nichtsnutze verliebt, Schwindler, Traumtänzer und ewig angeschmierte Lebensdilettanten, die sie sind. „Die Statisten“ möchte ein Schelmenroman sein, eine überschäumende Großstadt-Burleske, und versteht dies als General-Dispens von so humorlosen Anforderungen wie Wahrscheinlichkeit, Stimmigkeit oder Detailgenauigkeit.

Der Roman will gar nicht beim Wort genommen werden. Er hangelt sich frohgemut von Einfall zu Einfall und baut auf das schlechte Gedächtnis seiner Leser. Wollte Ravan, aus lauter Liebe zu Eddies katholischer Schwester, nicht zum Christentum konvertieren und bereitete sich bei Pater D’Souza auf die Taufe vor? Im nächsten Kapitel ist das vergessen. Wir hören nie wieder davon. Eines von vielen blinden Motiven dieses Romans.

Den Gestus warmherziger Satire lässt Kiran Nagarkar auch dem Kontinent Bollywood angedeihen, in dem sich seine Statisten tummeln, meist nur als namenlose singende und tanzende Hintergrund-Staffage. Im Gegensatz zu Shashi Tharoor, dem Autor und UN-Diplomaten, der in seinem Roman „Bollywood“ (2006) den Gegensatz von Realität und Traumfabrik unterhaltsam ausbeutete, bleibt Nagarkars Haltung unentschieden. Ob Bollywood als Kitsch oder als Camp anzusehen ist, als Teil des globalen Pop, als originär indisches Kulturphänomen oder als Droge zur Alltagsflucht und zur Sedation der indischen Armen – der Roman belässt das im Diffusen, indem er alles mit seiner Suada milden Spotts überzieht.

Im Epilog gönnt Nagakar seinen Statisten tatsächlich noch den völlig unwahrscheinlichen Durchbruch zu Ruhm und Reichtum. Die Luxuskarossen der Filmproduzenten drängeln sich vor dem Slum-Wohnblock, alle wollen Ravan und Eddie unter Vertrag nehmen. Parodie auf die Happy-End-Verlogenheit von Bollywood-Filmen? Absturz in die märchenhafte Wunscherfüllung? Oder übergroße Zuneigung des Autors zu seinen Figuren? Erzählerische Subtilität ist hier Nagarkars Sache nicht. Seinem Hang zum Hyperbolischen und zur dick aufgetragenen Humorigkeit lässt er freien Lauf: Alles erzählt er doppelt und dreifach, mit hohem Sinn für Überdeutlichkeit. Wie zu lesen ist, liebäugelt Kiran Nagarkar mit einer Fortsetzung. Man vernimmt es nicht ohne leise Bange. Sigrid Löffler

Kiran Nagakar:

Die Statisten. Roman.

Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini.

A1 Verlag, München 2012. 656 Seiten, 28 €

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