Kultur : Infantile Tropfen

Ulrich Amling

Eigentlich sollte man im Weinkeller gar nichts hören. Still vibriert der Sommer im gepressten Traubengut, in den Fässern reift aus der Erinnerung an Wärme, Erde und Regen neuer Wein heran. Doch in den Chateaux des Bordeaux ist der Lärm eingezogen. Man vernimmt das Rumpeln einer Maschine, die dem Wein Wasser entzieht, den Rebsaft stärker konzentriert. Flaschengeister mit geschwollenen Muskeln sind die Folge, die ohne Vorwarnung plötzlich sterben können. Mon dieu, darüber spricht man ungern.

Nun dürfen französische Winzer auch noch offiziell Häksler anwerfen und geröstete Holzstücke in den Gärtank werfen. Der Agrarminister will so die eingebrochene Nachfrage stärken: Was für die Boomländer des Weinhandels – Australien, USA und Südamerika – gut ist, soll der Grande Nation nicht schaden. Die Geschmacksführerschaft beim Wein, den wir doch als europäisches Kulturgut betrachten, liegt längst außerhalb des Kontinents. Statt mit Muße aus 467 französischen Herkunftsgebieten (AOC) und130 Landwein-Lagen auszuwählen, greift der Konsument im Supermarkt zum Merlot aus Chile oder Cabernet aus Kalifornien. Weine, die mit dem Zuckerniveau von Fast Food mithalten, die auch von Glutamat erweichte Zungen noch bemerken. Infantile Tropfen. Frankreich, das einst seine Köche zur Sensibilisierung von Kindergaumen in die Schule schickte, knickt ein. Wer soll nun für ein Europa der Weinregionen streiten? Wir entkorken trotzig eine Flasche Mosel- Riesling. Den Winzer kennen wir: Bei ihm herrscht Ruhe im Keller!

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