Kultur : Inflationskinder

Der Weg zur Abstraktion: Gemälde von Max Ackermann

Michaela Nolte

„Bei Max Ackermann kann man fast die gesamte Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ablesen“, bringt Irene Lehr die Vielfältigkeit des 1887 in Berlin geborenen Malers auf den Punkt. Schon seine Ausbildung scheint von einer gewissen Unrast, aber eben auch von Neugierde und Pluralismus geprägt. 19-jährig begann Ackermann das Studium bei Henry van de Velde in Weimar, setzte es 1908 an der Dresdner Kunstakademie bei Richard Müller fort, um im folgenden Jahr einen Abstecher zu Franz von Stuck nach München zu unternehmen, wo er jedoch mehr Erfüllung vor den Gemälden Hans von Marées in der Neuen Pinakothek fand. Den nachhaltigsten Einfluss übte jedoch Adolf Hölzel aus, dem Ackermann 1912 an der Stuttgarter Akademie begegnet war, und dessen Farben- und Formlehre er zeitlebens weiterentwickelte. Bilder wie das Pastell „Paar (Badende)“ (19000 Euro) oder das Ölbild „Stillleben mit Lauch“ (59000 Euro) spiegeln dessen „Primat der künstlerischen Mittel“ aufs Schönste wider. Leuchtende Farbigkeit verdichtet die verschachtelte und kuriose Formensprache zu einer klangvollen Harmonie, aus der ganz eigene Obertöne entstehen. Und in den „Badenden“ (19000 Euro) scheint er den Piktoralismus eines A.R. Penck bereits 1940 vorwegzunehmen. Ohne süßlich oder dekorativ zu werden, gelingt Ackermann ein Zusammenklang von heiteren Farb-Akkorden und strengen Formprinzipien, mit denen er den Fragen um Raum, Figur und Zeit neue Perspektiven eröffnete.

Zwischen den ersten Einflüssen Hölzels und der Suche nach dem „absoluten Bild“, widmet sich Ackermann in den zwanziger Jahren noch einmal ganz der Figur im Stil der Neuen Sachlichkeit. Doch verfällt er nicht in den beißenden Spott eines Otto Dix’, sondern schafft mit „Der Besuch“ (68000 Euro) oder „Inflationskinder“ (4000 Euro) Bilder und Zeichnungen von stillem Humor und eindringlicher Empathie.

Über die anschließende, sukzessive Verschmelzung von Abstraktion und Figuration, gelangt er später zur völligen Gegenstandslosigkeit, die im Laufe von vier Jahrzehnten neue Steigerungen und Modulationen erfährt. Bis die Flächen in den Gemälden „Strahlende Pforten“ oder „Rotation und Überbrückung“ (je 19000 Euro) Mitte der sechziger Jahre nur noch vom Farbklang und von amorphen oder grafischen Chiffren rhythmisiert werden.

In dieser ungemeinen Bandbreite des Werkes liegt jedoch zugleich das Problem seiner Rezeption. Bisweilen scheint Ackermann die bildnerischen Fragen der jeweiligen Zeitläufte nicht nur reflektiert, sondern gleichsam wie ein nasser Schwamm aufgesogen zu haben. Es mag nicht zuletzt seine Versiertheit in allen Stilen und Metiers sein, die Ackermann in der öffentlichen Wahrnehmung immer in die zweite Reihe gestellt hat, insbesondere gegenüber den Stuttgarter Kollegen Oskar Schlemmer und Willi Baumeister. Während die zwei herausragenden Exponenten des „Hölzel-Kreises“ auf dem Kunstmarkt mühelos sechsstellige Summen erzielen und Schlemmers „Große Sitzendengruppe 1“ vor sechs Jahren bei Christie’s in London 2,7 Millionen Euro einspielte, bewegen sich die Preise für Ackermann in moderaten Regionen.

Das Gesamtwerk deshalb als beliebig oder gar epigonal abzutun, wäre jedoch verkürzt. Allerdings scheint die Vielstimmigkeit den nachhaltigen Blick auf die Neuschöpfungen zu verstellen, lässt den „typischen Ackermann“ kaum zu Wort kommen. Mit über fünfzig Werken bietet die Ausstellung „Vom Verismus zur Abstraktion“ eine gute Gelegenheit, den Künstler wieder neu zu bewerten.

Lehr Kunsthandel, Sybelstraße 68, bis 26. März; Montag bis Freitag 11–18 Uhr. Der Katalog kostet 10 Euro .

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