Kultur : "Inge und Mira": Kaffeebraun ist die Nacht

Tina Heidborn

Frauen müssen reden. Deshalb haben sie beste Freundinnen, mit denen sie sich ihr Leben rauf und runter erzählen. Was frau nicht einer anderen Frau anvertraut hat, das hat sie psychisch nicht verarbeitet, denn Frauen bewältigen verbal. In diesem Sinne ist "Inge und Mira", der neue Roman der Schwedin Marianne Fredriksson, ein Frauenbuch, die fast romantische Geschichte einer Annäherung.

Die Kinderbuchautorin Inge lebt allein, und bis sie Mira beim Einkaufen trifft, hat sie mit ihrem Tagebuch Zwiesprache gehalten. Jetzt beginnen die beiden zu reden: Zwei Endvierzigerinnen, inzwischen männerlos und immer noch um das Wohl ihrer erwachsenen Kinder kreisend. Die eine Schwedin, die andere Chilenin. Sie fangen an, gemeinsam Pflanzen umzutopfen und Tee aufzubrühen und erzählen sich dabei ihre Enttäuschungen, ihre Hoffnungen. Das zwingt beide, die dunklen Stellen ihres Lebens auszuleuchten.

Was Inge erzählt, ist der Lebensweg einer sich spät emanzipierenden Frau aus dem Mittelstand, mit Härten und auch persönlichen Katastrophen. Eine Lebensgeschichte voll Liebe und Verlust inmitten materiellen Wohlstands und schwedischer Stabilität. Vor Miras Geschichte beginnt ihre eigene zu verblassen, findet Inge. Denn Mira erzählt von ihrer Flucht aus Chile unter Diktator Pinochet und von ihren verschleppten Kindern. Sie tut sich schwer mit dem Erzählen. Über Mira lernt Inge andere Chileninnen kennen. Von Opfern und Vergewaltigung unter der Militärjunta wusste sie vorher auch, es waren Opferzahlen in den Fernsehnachrichten, jetzt trinkt sie mit den Opfern Tee. Inge, findet Mira manchmal, hat ein Helfersyndrom: "Wie verteidigt man sich gegen eine Schwedin, die einem nur Gutes will und dabei nichts begreift?"

Die Figuren Inge und Mira sind Stereotype, kraftvoll und lebendig. Der Rest des Romans ist Klischee: Miras Söhne sind milchkaffeebraun und stark, Inges Töchter schwedische Engel, aber emanzipiert, die Natur liefert dramatische Frühlingsstürme und Hochsommernächte dazu. Wie schon in ihren Büchern zuvor erzählt Fredriksson ganz nah an der Leserinnenerwartung entlang, mit intuitiver Sicherheit greift sie auf, was Frauen interessiert. Die Emanzipation, wie in ihrem Durchbruchserfolg "Hannas Töchter" spielt am Rande noch rein. "Inge und Mira" ist eine sehr persönliche Begegnung, und im Miterleben entwickelt das Buch seine Kraft. "Sensibel erzählt" nennt der Klappentext Fredrikssons neuen Roman, der sich flüssig wie ein Tagebuch liest und die Erzählperspektive munter wechselt. Egal, entscheidender ist: Wenn Frauen reden, dann immer persönlich, nie abstrakt. Marianne Fredriksson weiß mit ihren 73 Jahren eine Menge über Frauen (ab 40).

Sie glaube, dass höhere Mächte, so hat es die schwedische Autorin in einem Interview gesagt, ihr die Fähigkeit gegeben haben zu erzählen. Als sie in den 70er Jahren noch Ressortleiterin bei einer großen schwedischen Zeitung war, lachten sich ihre männlichen Kollegen halb tot, als Fredriksson ihre neu geplante Serie "Die Qualen der Seele" ankündigte. Fredrikssons Seite wurde zur meistgelesenen der ganzen Zeitung.

Marianne Fredriksson schreibe, jawohl, Literatur, die dem breiten Publikum Politik privat nahebringe, befand ein männlicher Kritiker einmal. Er setzte ostentativ ein trotziges "jawohl" vor die Behauptung, es handle sich bei ihren Bestsellern um (Hoch)Literatur. Das mag bezweifelt werden. Unbezweifelbar ist, dass es Fredriksson auch in ihrem neuen Roman gelingt, Frauenschicksale zu gestalten, die tatsächlich etwas zu sagen haben. Nein, dieser Roman ist keine große Literatur, weder anspruchsvoll noch brillant erzählt, bisweilen sehr absehbar konstruiert. Aber es ist auch keines dieser Frauenbücher, die nach leichtem Konsum anschließende Leere garantieren. Solange die Auseinandersetzung um die Aufarbeitung der chilenischen Diktatur noch nicht ganz aus den Weltnachrichten verschwunden ist, hört man immer mal wieder den Namen Pinochet und muss kurz an die Geschichte von "Inge und Mira" denken.

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